Nacht

Schön, dass die Menschen Licht anzünden
sei`s, um sich zurechtzufinden
oder weil sie nachts noch lange lesen
Ganz egal aus welchen Gründen
sie mit Licht von ihrem Dasein künden
Schön, dass die Menschen Licht anzünden

Schön, wie die Zikaden…
Schön, dass es schwer ist, zu beschreiben
wie sich`s anhört
wenn Insekten Bein an Flügel reiben
oder wie auch immer die das machen
Schön, wie die Zikaden…

Schön, wenn dann wie abgesprochen
plötzlich alle Beinchen ruhn
Schön, dass es schwer ist, zu beschreiben
wie Zikadenmänner sich beweiben
oder was auch immer die dann treiben
Schön, wie die Zikaden schweigen
Schön, dass wir das gleiche tun

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Night
It’s nice that people light the lights
be it to find their way
or because they read for a long time at night
No matter what the reason
they announce their existence with light
It’s nice that people light the lights

Nice, like the cicadas …
Nice that it is difficult to describe
how it sounds
when insects rub leg against wing
or whatever they do
Nice, like the cicadas …

Nice if then as agreed
suddenly all legs rest
Nice that it is difficult to describe
how cicada men mate
or whatever they do
Nice how the cicadas are silent
Nice that we do the same

(From my archive. Summer 2000 in Rome)

Abend

Von Tivoli her weht ein Wind
und greift aus Rosmarin und Lorbeerbäumen
nach meiner Nase

Beim Nachbarn weint ein kleines Kind
und weckt aus Nachtfalterfreundlichen Träumen
Fledermäuse zum Fraße

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Eve
A wind is blowing from Tivoli
and out of rosemary and laurel trees
reaches for my nose

A small child cries at the neighbor’s
and awakens from moth-friendly dreams
Bats for a meal

(From my archive. Summer 2000 in Rome.)

Nachmittag

Jetzt sich aus dem Schatten wagen
und den trägen Leib
zum Wasser tragen
und sich mit Behagen
in das selbige versenken
und an Sprudel sich zu laben
und all jener zu gedenken
die all das nicht haben

Jeder würde jetzt so handeln
Doch eben weil ich frei hab
und nicht handeln muss
bleib ich im Schatten
Schluss

(Aus meinem Archiv. Das ist im Sommer 2000 in Rom entstanden. Kann nicht jeder Text von sich sagen.)

Afternoon
Now venture out of the shadows
and the sluggish body
carry to the water
and comfortable
sink into the same
and feasting on sparkling water
and to remember all those
who don’t have all of that

Everyone would act like that now
But just because I’m free
and doesn’t have to act
I stay in the shade
Enough


(From my archive. It was created in Rome in the summer of 2000. Not every text can say about itself.)

Ich und ich

Hallo, ich bin’s.
: Hallo, äh, anjenehm.
Ganz meinerseits.
: Äh, hamwa uns schon ma jesehn?
Das will ich meinen, ich bin’s : ich.
: Is schon klar, ick kenn dir nich.
Du kennst mir nich, äh, mich?
Aber ick bin’s, äh, ich!
: Nu ma langsam, wie heißt’n du?
Klaus-Ute? Hans-Klara? Schubidu?
Blöde Frage, ich bin ich und heiß’ wie du.
: Hm. Heinz-Filzstift? Rumpelstilz? Grisu?
Genug gescherzt, das geht zu weit!
: Karl-Stöpsel? Flaschenpeter? Schöne Maid?
Schluss! Aus! Ich will nichts mehr hören!
: Entschuldigung die Herren, dürft’ ich kurz stören?
Kann es sein, dass… sind Sie nicht…
: Papst Paul? Ulf-Tina? Hauptgericht?
: Nein, es liegt mir auf der Zunge, bloß…
: Korbinian-Kilian Bratensoß?
: So ähnlich, russisch, irgendwas mit Mmpf.
Ich glaub das nicht, das glaub ich nicht.
: Schlpmf? Strmpf? Musik is Trmpf?
: Nein, nein, das war’s nicht. Ach verzwickt…
Ichwerdichwerdichwerdverrückt!
: Mein Gott! Jetzt weiß ich, wer Sie sind!
Vom Vetter Karl das vierte Kind!
Aber nicht doch! Ich bin’s! Ich!
: Hm.
: Hm.
Und das mir.
: Meine Herren, wer bekommt das Bier?
: Ick.
: Ich.
Nein, ich!

(Aus meinem Archiv und auch schon mindestens 20 Jahre alt. Was sich beim Aufräumen eben so findet.)

I and I
   Hello, it’s me.
: Hello, uh, pleasant.
   On my part.
: Uh, have we seen each other before?
   That’s what I mean, it’s me: I.
: It’s clear, I don’t know you.
   You don’t know me, uh, my?
   But it’s me, uh, I!
: Slowly now, what’s your name?
   Klaus-Ute? Hans-Klara? Schubidu?
   Stupid question, I’m me and I’m called like you.
: Hm. Heinz felt pen? Rumpelstilz? Grisu?
   Enough joking, that goes too far!
: Karl stopper? Bottleneck? Beautiful maid
   Enough! Out! I don’t want to hear anything anymore!
: Excuse me gentlemen, may I briefly interrupt?
   Could it be that … you are not …
: Pope Paul? Ulf-Tina? Main dish?
: No, it’s on my tongue, just …
: Korbinian-Kilian gravy?
: Something like that, Russian, something with Mmpf.
   I don’t believe that, I don’t believe that.
: Schlpmf? Stocking? Music is trump?
: No, no, it wasn’t. Oh tricky …
   I’m going nuts!
: My God! Now I know who you are!
   The fourth child from cousin Karl!
   But not! It’s me! I!
: Hm.
: Hm.
   Me, of all people!
: Gentlemen, who gets the beer?
: I.
: I.
   No, I!
(From my archive and also at least 20 years old. What you can find while cleaning up.)

Was der Zeichner alles braucht

  1. Einen Körper
    Zuerst der Rumpf mit Hohlraum drinnen
    Um möglichst viel hineinzubringen
    Darm, Herz, Nieren, was man so braucht
    Und die Lungen, wenn man raucht
    Den Magen für das leiblich Wohl
    Die Leber für den Alkohol
    Links und rechts die Arme dran
    Dass er nach was greifen kann
    Das Ganze auf die Füß gestellt
    Steht wie aus dem Ei gepellt: der Zeichner
    Halt! Da fehlt das Haupt
    Drauf damit und gut verschraubt
    Hemd und Hosen, feste Schuhe
    Raus mit dir und nun ist Ruhe
  1. Papier
    – Ober! Bring mir mal paar Bier!
    – Bitte schön.
    – Danke dir.
  1. Einen Stift
    Lang war die Nacht, groß ist der Kater
    Die Blutbahn voller Nervengift
    Der Mensch ist ja kein Automat
    Die Arbeit macht ihn obstinat
    Da ruft der Zeichner seinen Stift
    „Stift. Hier hast 10 Mark.
    Du holst mir jetzt ein Kilo Quark.
    Ach Schmarrn, ein Packerl Aspirin.“
    Schon liegt er wieder. Laß´ ma ihn.

(Aus meinem Archiv. Das ist mindestens 20 Jahre alt und lag auf einer alten Festplatte unter einem Paar löchriger Socken. Ob zu Recht?)

What the draftsman needs
1. A body
First the hull with cavity inside
To bring in as much as possible
Gut, heart, kidneys, what you need
And the lungs if you smoke
The stomach for your physical well-being
The liver for alcohol
Arms left and right
That he can reach for something
The whole thing on its feet
Stands out of the egg: the artist
Stop! The head is missing
On it and screwed well
Shirt and pants, sturdy shoes
Out with you and now there is peace
2. Papeer
„Waiter! Bring me some beer!“
„You are welcome.“
„Thank you.“
3. A pen
The night was long, the hangover is a killer
The bloodstream is full of neurotoxins
Man is not an automaton
The work makes him obstinate
Then the draftsman calls his pen
„Pen. Here you have 10 marks.
 You’re going to get me a kilo of curd now.
 Oh rubbish, a pack of aspirin.“
He is already lying again. Let him.


(From my archive. It’s at least 20 years old and was on an old hard drive under a pair of holey socks. Rightly so?)

(A german word for apprentice is ‚Stift‘, which also means ‚pen‘)