Früher war nicht alles schlecht

Vor 80 Jahren zum Beispiel war in der Markuskirche in Venedig anscheinend so wenig los, dass man ungestört seinen Namen in den Stein ritzen konnte. Heute treten einem die anderen Touristen auf die Füße und wenn man sein Messer auspackt, fangen sie an zu schreien und trampeln sich gegenseitig zu Tode. Wie soll man denn in so einer Welt noch Spuren hinterlassen?

Not everything used to be bad – Eighty years ago, for instance, St. Mark’s Basilica in Venice was apparently so quiet that one could carve one’s name into the stone undisturbed. Today, other tourists step on your feet, and if you pull out your knife, they start screaming and trample each other to death. How is one supposed to leave a mark in a world like that?

Wie es wirklich war (45)

Als der dänisch-spanische Edelmann Kalle del Becher im Frühjahr 1699 im Auftrag des spanischen Königs Karl II, nach Venedig kam, um in großen Mengen kommende Getreideernten für das an einer Hungersnot leidende Spanien aufzukaufen, musste er einerseits feststellen, dass die ihm zur Verfügung gestellten Mittel zwar beachtlich waren, aber zu gering, um die Venezianer zu überzeugen, die Handelsverträge mit Frankreich und Österreich zu kündigen, die ebenfalls unter Getreidemangel litten. Andererseits war er sehr geschmeichelt, als er eines Tages durch die Stadt irrend, entdeckte, dass man, ohne ihm etwas zu sagen, eine Gasse nach ihm benannt hatte, die zwar unscheinbar und schmal war, aber ohne Zweifel seinen Namen trug. Als er sich während der nächsten Audienz im Dogenpalast für die große Ehre bedankte, sah man ihn verständnislos und belustigt an und schickte ihn mit einem Schulterklopfen und der Empfehlung, das nächste Mal eine größere Börse mitzubringen, wieder nach Hause. In Spanien angekommen, musste er gestehen, keinen Erfolg gehabt zu haben, schmückte seine Erzählung aber mit der ihn betreffenden Anekdote, was den geistesschwachen König Karl in solches Entzücken versetzte, dass er in lautes Lachen und Frohlocken ausbrach und eine ganze Woche lang nicht damit aufhören wollte. Der Hofstaat musste natürlich, ob er wollte oder nicht, darin einstimmen. Die Nachricht, dass der König und der Adel sich trotz der furchtbaren Hungersnot so prächtig amüsierten, führte kurz darauf zu einem Aufstand in Madrid, dem Sturz des regierenden Ministers, der Stärkung der profranzösischen Fraktion am Hofe und nach dem Tode des kinderlosen Karl im Jahr darauf schließlich zum Spanischen Erbfolgekrieg, in dessen erster Schlacht bei Carpi der Conte del Becher, der, ohne es je erfahren zu haben, aufgrund seiner Unkenntnis des venezianischen Dialekts und seiner Eitelkeit einen mehr als 13 Jahre langen gesamteuropäischen Konflikt ausgelöst hatte, von einem herabfallenden Ast erschlagen wurde.

How it really was – When the Danish-Spanish nobleman Kalle del Becher arrived in Venice in the spring of 1699—commissioned by King Charles II of Spain to purchase large quantities of upcoming grain harvests for a famine-stricken Spain—he found, on the one hand, that the funds placed at his disposal, while substantial, were insufficient to persuade the Venetians to cancel their trade agreements with France and Austria, both of which were also suffering from grain shortages. On the other hand, he was deeply flattered when, while wandering through the city one day, he discovered that—without anyone having told him—an alleyway had been named after him; it was admittedly narrow and unassuming, but it undoubtedly bore his name. When he expressed his gratitude for this great honor during his next audience at the Doge’s Palace, he was met with looks of bewilderment and amusement; he was then sent on his way with a pat on the back and a recommendation to bring a larger purse next time. Upon his return to Spain, he had to admit his failure, yet he embellished his account with the anecdote concerning the alleyway—a story that delighted the feeble-minded King Charles so much that he burst into loud laughter and rejoicing, refusing to stop for a full week. Naturally, the courtiers were obliged to join in, whether they wished to or not. The news that the king and the nobility were amusing themselves so lavishly despite the terrible famine led shortly thereafter to an uprising in Madrid, the fall of the ruling minister, and the strengthening of the pro-French faction at court; following the death of the childless Charles the next year, it ultimately resulted in the War of the Spanish Succession—during the first battle of which, at Carpi, the Conte del Becher was killed by a falling branch, having—without ever realizing it—triggered a pan-European conflict lasting more than thirteen years due to his vanity and his ignorance of the Venetian dialect.

Die Abenteuer von Pavel Havel (7)

Eines Tages machte Pavel Havel, der berühmte tschechische Abenteurer und Großmeister aller Klassen, einen Ausflug in die Felsenstadt Petra. Weil er aber aus Versehen eine Karte Venedigs mitgebracht hatte, fand er durch diesen glücklichen Zufall heraus, dass man in Petra einfach nur vermeintlich falsch abbiegen muss, um plötzlich in einer Gasse der Lagunenstadt herauszukommen. Diese Erkenntnis hätte die globale Tourismusindustrie erschüttern und so die gesamte Weltwirtschaft ins Unglück stürzen können, weshalb er Klugheit bewies und das Wissen darum für sich behielt. Stattdessen nutzte er die Gelegenheit, einen guten italienischen Espresso zu sich zu nehmen, so wie das jeder vernünftige Mensch ebenfalls getan hätte.

The Adventures of Pavel Havel – One day, Pavel Havel—the famous Czech adventurer and grandmaster of all disciplines—took a trip to the rock city of Petra. However, because he had accidentally brought along a map of Venice, he discovered—by a stroke of luck—that in Petra, one simply has to make a seemingly wrong turn to suddenly emerge in an alleyway of the Lagoon City. This revelation could have shaken the global tourism industry and plunged the entire world economy into disaster; wisely, therefore, he kept the knowledge to himself. Instead, he seized the opportunity to enjoy a good Italian espresso, just as any sensible person would have done.

Ein Hundeleben

Gefangen in einem dysfunktionalen Körper und an die Leine gelegt in einer Stadt ohne Wiesen. Venedig ist nicht für alle schön.

A Dog’s Life – Trapped in a dysfunctional body and kept on a leash in a city without meadows. Venice isn’t beautiful for everyone.