Steriles Gedicht

Dieses Gedicht ist absolut
keimfrei
Verse müssen nicht
keimen
um ein Gedicht zu
sein
Keime sollen bleiben
wo sie sind
aber nicht
hier

Sterile poem – This poem is absolute / germ-free / Verses don’t have to / germinate / to be a poem / Germs should stay / where they are / but not / here (silly wordplay with the german germs eh terms for germ and rime)

Wie Schiller einmal dem Goethe zum Geburtstag ein Gedicht machte

Schiller: Heute wird der Goethe 271 Jahr / das ist doch wirklich wunderbar!
Goethe: Ei Schiller! Was …
Schiller: Der Goethe ist ein Supermann / der einfach alles dichten kann!
Goethe: Mann, Schiller, fasse se sisch!
Schiller: Drum, Goethe, zu deinem Ehrentag / sollst wissen, wie sehr ich dich mag!
Goethe: Schiller! Du Färzverbeißer bringscht mi noch uff de Affestaa! Hörscht du uff!
Schiller: Na gut. – Von Osten will das holde Licht / nun glänzend uns vereinen
Goethe: Schon besser.
Schiller: Und schön’re Stunden fänd es nicht / als diesem Tag zu scheinen
Goethe: Momentsche! Des isch doch von mir! Du Hallebatsch, du Bohnesimpel du!

How Schiller once wrote a poem for Goethe’s birthday
Schiller: Today is Goethe’s 271 year / that’s why everbody wants to cheer!
Goethe: Um, Schiller! What …
Schiller: Goethe is a superman / therefore I’m his greatest fan!
Goethe: Man, Schiller, calm down!
Schiller: So, Goethe, on your special day / you should know that you are okay!
Goethe: Schiller! You are making me mad! Stop it!
Schiller: All right. – From the east the lovely light / wants to unite us now brilliantly
Goethe: Much better.
Schiller: And there would be no more beautiful hours / than this day
Goethe: Wait a minute! That’s mine! You bastard, you sucker!

Zur Abkühlung: Deutscher Winter

Leise rieselt der Schnee
Der Wald steht still und schweiget
kein Schiff auf hoher See
kein Mann sein Weib besteiget

Der Mond ist aufgegangen
Horch! Dort stirbt ein Reh
Rote Fahnen empfangen
an den Grenzen die rote Armee

Weißt du, wieviel Sternlein stehn?
Weißt du´s, dann tu keinen Mucks
Der rote Stern steht über Bethlehem

Sieh! Dort frisst die Gans den Fuchs
Über Mülhausen kreist ein Geier
Trauert ein Stück weit um Hanns Martin Schleyer

(Aus meinem Archiv von 1997)

For cooling down: German winter
Snow falls softly
The forest stands still and is silent
no ship on the high seas
no man mounts his wife

The moon has risen
Listen! A deer dies there
Red flags are receiving
the red army at the borders

Do you know how many little stars there are?
If you know, be quiet
The red star is over Bethlehem

See! There the goose eats the fox
A vulture circles over Mulhouse
Mourns a bit for Hanns Martin Schleyer

(From my archive of 1997)

Stoßgebet an den Zeichengott

All das Grauen – es soll sich schleichen
Und das Grau sei koloriert
All das Bunte – es soll nicht bleichen
Und das Blasse sei kariert
All das Halbe – es sei vollkommen
Und das Ganze sei halbiert
All das Klare – es sei verschwommen
Und das Dumpfe sei radiert

Arrow prayer to the god of sketching
All the horror – it should sneak up
And the gray is colored
All the colorful – it shouldn’t bleach
And the pale is checked
All half – it is perfect
And the whole thing is halved
All the clear – it is blurry
And the dull is erased

Mittag

Hoch vom Hügel schau ich ins Tal
und auf die Berge dort
die schöne Namen tragen

Wie rund und eckig
und wunderbar bewaldet
und still und kolossal

Denen dort ist es egal
Sie widmen sich in einem fort
rücksichtslos dem Selbsttransport
auf der Autobahn im Tal

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Noon
High on the hill I look down into the valley
and on the mountains there
that have beautiful names

How round and angular
and wonderfully forested
and silent and colossal

It doesn’t matter to them there
They continue to dedicate themselves
to ruthless self-transport
on the highway in the valley

(From my archive. Summer 2000 in Rome)

Besucher

Du kleines grünes Tier
auf rauhverputzter Wand
bist du ein Fakir
aus dem Gutenmorgen! land?

Jetzt kriech nicht unter das Scharnier
von der Terassentür
sonst wirst du noch gezweckt!
War nicht so gemeint
Du hast mich halt erschreckt

Heh, Gecko! Knopfauge
komm raus und fall nicht von der Wand
Wie hast du das denn nur geschafft?
Wie? Mit Van-der-Waalsscher Kraft?
Das ist ja interessant

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Visitor
You little green animal
on rough-plastered wall
are you a fakir
from the good morning! land?

Now don’t crawl under the hinge
of the patio door
otherwise you will be tweaked!
Was not meant like that
You just scared me

Hey gecko! Button eye
come out and don’t fall off the wall
How did you do it?
How? With Van der Waals force?
That is very interesting

(From my archive. Summer 2000 in Rome)

Morgen

Erstaunlich, wie leicht man hier aufsteht
bloß, weil`s draußen schon hell ist
weil die Sonne schon fast übern Berg ist
Schön, dass noch immer ein Wind weht

Hähne begrüßen lautstark den Tag
Rom grüßt zurück aus der Ferne
und noch brennt in der Ferne
was hier wohl niemand löschen mag

Müde Hunde bellen um Ecken
Zapfen fallen von Bäumen
Menschen treten aus Räumen
Ameisen helfen den Tisch zu decken

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Morning
It’s amazing how easy it is to get up here
just because it’s already light outside
because the sun is almost over the mountain
Nice that a wind is still blowing

Roosters greet the day loudly
Rome greets back from afar
and still burning in the distance
what nobody wants to put out

Tired dogs bark around corners
Cones fall from trees
People step out of rooms
Ants help to set the table

(From my archive. Summer 2000 in Rome)

Nacht

Schön, dass die Menschen Licht anzünden
sei`s, um sich zurechtzufinden
oder weil sie nachts noch lange lesen
Ganz egal aus welchen Gründen
sie mit Licht von ihrem Dasein künden
Schön, dass die Menschen Licht anzünden

Schön, wie die Zikaden…
Schön, dass es schwer ist, zu beschreiben
wie sich`s anhört
wenn Insekten Bein an Flügel reiben
oder wie auch immer die das machen
Schön, wie die Zikaden…

Schön, wenn dann wie abgesprochen
plötzlich alle Beinchen ruhn
Schön, dass es schwer ist, zu beschreiben
wie Zikadenmänner sich beweiben
oder was auch immer die dann treiben
Schön, wie die Zikaden schweigen
Schön, dass wir das gleiche tun

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Night
It’s nice that people light the lights
be it to find their way
or because they read for a long time at night
No matter what the reason
they announce their existence with light
It’s nice that people light the lights

Nice, like the cicadas …
Nice that it is difficult to describe
how it sounds
when insects rub leg against wing
or whatever they do
Nice, like the cicadas …

Nice if then as agreed
suddenly all legs rest
Nice that it is difficult to describe
how cicada men mate
or whatever they do
Nice how the cicadas are silent
Nice that we do the same

(From my archive. Summer 2000 in Rome)

Abend

Von Tivoli her weht ein Wind
und greift aus Rosmarin und Lorbeerbäumen
nach meiner Nase

Beim Nachbarn weint ein kleines Kind
und weckt aus Nachtfalterfreundlichen Träumen
Fledermäuse zum Fraße

(Aus meinem Archiv. Sommer 2000 in Rom)

Eve
A wind is blowing from Tivoli
and out of rosemary and laurel trees
reaches for my nose

A small child cries at the neighbor’s
and awakens from moth-friendly dreams
Bats for a meal

(From my archive. Summer 2000 in Rome.)

Nachmittag

Jetzt sich aus dem Schatten wagen
und den trägen Leib
zum Wasser tragen
und sich mit Behagen
in das selbige versenken
und an Sprudel sich zu laben
und all jener zu gedenken
die all das nicht haben

Jeder würde jetzt so handeln
Doch eben weil ich frei hab
und nicht handeln muss
bleib ich im Schatten
Schluss

(Aus meinem Archiv. Das ist im Sommer 2000 in Rom entstanden. Kann nicht jeder Text von sich sagen.)

Afternoon
Now venture out of the shadows
and the sluggish body
carry to the water
and comfortable
sink into the same
and feasting on sparkling water
and to remember all those
who don’t have all of that

Everyone would act like that now
But just because I’m free
and doesn’t have to act
I stay in the shade
Enough


(From my archive. It was created in Rome in the summer of 2000. Not every text can say about itself.)