
Weird bird.
(Erschienen / pubilshed in „Glöcklein der Albernheit“, Bd. 1)
Texte und Bilder /// Texts and Images

Public dying

Als 1984 heute früh in den Spiegel schaute, wurde ihm schlagartig klar, dass es nun auf die 40 zuging und das Leben morgen schon vorbei sein könnte. Es war offensichtlich: Der Lack war ab, die Leichtigkeit verschwunden, nichts war mehr selbstverständlich. Das Nachtleben hinterlässt Spuren, Augenringe, das Haar lichtet sich, der Rücken schmerzt. Gestern war es das älteste im Club und von einem der Nullerjahre wurde es sogar gesiezt! Blöde Kinder. Früher war es doch einmal berühmt und alle wollten ein Autogramm und Journalisten fragten nach seiner Meinung zum Ende der Sowjetunion und in Talkshows sollte es über Totalitarismus diskutieren. Dabei war es damals noch ein Kind und das blöde Buch hatte es bis heute nicht gelesen. Ihr könnt mich alle, dachte es und ging wieder ins Bett.
Midlife crisis – When 1984 looked in the mirror this morning, it suddenly became clear to him that it was now approaching 40 and that life could be over tomorrow. It was obvious: the paint was off, the lightness disappeared, nothing could be taken for granted anymore. The nightlife leaves its mark, dark circles under the eyes, the hair thins, the back hurts. Yesterday it was the oldest in the club and from one of the noughties it was even adressed formally! Stupid kids. It used to be famous and everyone wanted an autograph and journalists asked for its opinion on the end of the Soviet Union and on talk shows it was supposed to discuss totalitarianism. At that time it was still a child and it hadn’t read the stupid book until today. Up yours, it thought and went back to bed.

Meine Großtante Herta war noch während des Krieges mit Zwillingen schwanger geworden, während ihr Mann Hans an der Front war. Natürlich gab das Gerede, aber Herta war schon immer ziemlich eigensinnig und bestand darauf, dass bekanntlich der Krieg der Vater aller Dinge sei. Als der Geburtstermin verstrichen war und die Wehen dennoch nicht einsetzen wollten, ging Herta zur allgemeinen Verwunderung nicht etwa zum Arzt, sondern zu einem Anwalt. Über die Gründe für dieses seltsame Verhalten schwieg sie eisern, doch als Herta auch nach über zwei Jahren Schwangerschaft nicht niedergekommen war, ließ das Interesse der Leute nach und sie wandten sich wieder anderen Dingen zu, auch wenn sich heute niemand mehr erinnern kann, was damals außerdem noch so geschehen ist. Später erfuhren wir, dass Hertas Zwillinge sich weigerten, auf die Welt zu kommen, schließlich sei Krieg und in so einer Situation geboren zu werden, sei überaus leichtsinnig. Außerdem wollten sie Auskunft haben, wer denn nun ihr Erzeuger sei, doch Herta wies diese Frage beleidigt zurück und ließ den beiden Ungeborenen per Gerichtsbeschluss eine Frist zur freiwilligen Räumung setzen, welche die Zwillinge jedoch nicht einhielten. Der Rechtstreit zog sich über Jahre hin. Die letzte Nachricht war, dass Herta sich sträubte, die Freundin eines der Buben bei diesem übernachten zu lassen. Meine Mutter sagt, die Großtante sei dann vor Ärger geplatzt.
From the family album – My great-aunt Herta got pregnant with twins during the war, while her husband Hans was at the front. Of course there was talk, but Herta was always quite headstrong and insisted that war is known to be the father of all things. When the due date had passed and the labor did not want to start, Herta, to everyone’s amazement, did not go to the doctor, but to a lawyer. She was sternly silent about the reasons for this strange behavior, but when Herta had not come down after more than two years of pregnancy, people’s interest waned and they turned back to other things, even if today nobody can remember what back then happened besides it. We later learned that Herta’s twins refused to be born, because after all it was a war and to be born in such a situation was extremely reckless. In addition, they wanted to know who their father was, but Herta rejected this question, insulted, and gave the two unborn children a deadline for voluntary eviction by court order, which the twins did not keep. The legal dispute dragged on for years. The last news was that Herta was reluctant to let the girlfriend of one of the boys spend the night with him. My mother says the great-aunt then burst out of anger.
Deutschland sei auf dem Weg zu gleichwertigen Lebensverhältnissen weit vorangekommen, sagte neulich der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer mit dem passenden Namen Wanderwitz. Ob das stimmt? Auch wenn man es bei einer Fahrt durch Branden- oder Mecklenburg kaum glauben mag, ist sicher, dass die Deutschen zumindest eines erreicht haben: gleichwertige Todesverhältnisse.
Report on German unity – Germany has made good progress on the way to equal living conditions, said the Federal Government Commissioner for the new federal states with the appropriate name Wanderwitz (Hiking Joke). If that’s true? Even if you can hardly believe it when driving through Branden- or Mecklenburg, it is certain that the Germans have achieved at least one thing: equal death conditions.

Neulich war ich nicht auf aber unter dem Dach der Welt und ich muss sagen, es kam mir nicht sehr stabil vor. Und hätte es geregnet, wäre ich vermutlich nicht trocken geblieben. Was soll das? Ich denke, die Welt hat etwas Besseres verdient!
Reasonable doubt – The other day I wasn’t up but under the roof of the world and I have to say it didn’t feel very stable to me. And if it had rained, I probably wouldn’t have stayed dry. What the heck? I think the world deserves better!

Mit meinem neuen Untermieter hatte ich wirklich Glück. Er sagte, er brauche kein eigenes Zimmer und auch Bad und Küche werde er nicht benutzen. Allerdings könne er auch nicht bezahlen, aber wenn ich ihm gestatten würde, an der Decke zu kleben, dann könnte er mir als Notbeleuchtung dienen. Er arbeite nachts als Planet und brauche tagsüber einen stillen Ort, um auszuruhen. Ehrlich gesagt brauche ich tagsüber keine Notbeleuchtung, aber das kleine rote Licht stört auch nicht. Und schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, einen echten Planeten zu Gast zu haben.
New subtenant – I was really lucky with my new lodger. He said he didn’t need a room of his own and he wouldn’t use neither the bathroom or kitchen. He couldn’t pay, but if I let him stick to the ceiling he could serve as emergency lighting for me. He works as a planet at night and needs a quiet place to rest during the day. To be honest, I don’t need emergency lighting during the day, but the little red light doesn’t bother me either. And finally, not everyone can claim to be hosting a real planet.

Mutual incomprehension – „You have a bang!“ „For me you are air!“ (‚air-snake‘ means Streamer and a ‚cracking frog‘ is a jumping cracker. ‚einen Knall haben‘ also means ‚to be round the bend‘)
Erschienen / pubilshed in „Glöcklein der Albernheit“, Bd. 2)