Versuch über die Disziplin

Rege des Morgens die Glieder zum Lärmen des Weckers
werfe das Ding an die Wand, krieche zurück in das Bett

Höre um neun Uhr den Alten die Mailbox beschimpfen
schließe mein Herz und mein Ohr, bleibe einfach im Bett

Auffahr gen Mittag mit Grausen aus schrecklichen Träumen
lasse ersticken den Schrei, falle zurück in das Bett

Quäle um Drei aus den Federn die sterbliche Hülle
denke nur kurz an den Tod, fliehe zurück in das Bett

Tropfe um fünf Uhr wie flüssiges Wachs auf den Boden
zieh mich am Dochte empor, schmelze zurück in das Bett

Ströme um acht Uhr osmotisch durch Wände zum Kühlschrank
siehe, der Kühlschrank ist leer, fließe zurück in das Bett

Nehme um Zehn aus dem Vorrat den Wecker für morgen
stelle ihn tapfer auf Acht, gehe zurück in das Bett

Wälze mich schlaflos im Bette bis morgens um Sieben
schlage den Kopf an die Wand, bis mich das Dunkel umfängt

Rege des Morgens die Glieder zum Lärmen des Weckers

Essay about discipline – In the morning I stir my limbs to the noise of the alarm clock, throw that thing against the wall, crawl back into the bed / At nine o’clock I hear the old man swearing on the mailbox, I close my heart and my ear, just stay in bed / Get up at noon with dread from horrible dreams, let the scream smother, fall back into bed / At three, torment the mortal shell from the feathers, just think about death for a moment, flee back to bed / Dripping on the floor like liquid wax at five o’clock, pull me up by the wick, melt back into the bed / Flow osmotically through walls to the refrigerator at eight o’clock, the fridge is empty, flow back into bed / Take tomorrow’s alarm clock from the store at ten, bravely set the alarm for eight, go back to bed / I toss and turn in bed sleepless until seven in the morning, bang my head against the wall until the darkness engulfs me / In the morning I stir my limbs to the noise of the alarm clock

Neues aus der Gastronomie (1)

In München wurde vor kurzem der erste Unterwasserbiergarten eröffnet. Wie der Sprecher des Hotel- und Gastronomieverbandes mitteilte, haben sich viele Gastwirte darum beworben, eine Lizenz für ein solches Lokal zu bekommen, denn die Coronaauflagen würden unter Wasser selbstverständlich nicht gelten. Allerdings dürften aufgrund der Umweltschutzbestimmungen nur zwei Lokale pro Flusskilometer betrieben werden und außerdem müsse man viel Geld in die vorgeschriebenen Parkplätze investieren. Auch die Versicherung sei teuer, denn wie der Versuch bisher gezeigt habe, ertrinke hin und wieder ein Gast, doch die Kosten dafür ließen sich schlecht auf die anderen Besucher abwälzen.

News from gastronomy – The first underwater beer garden was recently opened in Munich. As the spokesman for the hotel and gastronomy association announced, many innkeepers have applied to get a license for such a restaurant, because the corona requirements would of course not apply under water. However, due to environmental protection regulations, only two bars can be operated per kilometer along the river, and a lot of money has to be invested in the prescribed parking spaces. The insurance is also expensive because, as the experiment has shown so far, a guest drowns now and again, but the costs for this can hardly be passed on to the other visitors.

Technik von gestern (5)

Wie einer Pressemitteilung des Vatikans zu entnehmen ist, sollen demnächst sämtliche Zugänge zum Himmel modernisiert werden. Die Pläne sind noch nicht veröffentlicht, doch aus gut unterrichteten Kreisen ist zu erfahren, dass die bisher verwendeten Fahrsteige gegen eine Art Rohrpost ausgetauscht werden sollen. Vertreter der anderen christlichen Konfessionen versichern, von solchen Plänen nichts zu wissen. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland wird allerdings deutlicher und droht mit „einer weiteren Reformation, sollten die Papisten Ernst machen mit diesem Blödsinn.“

Yesterday’s Technology – According to a Vatican press release, all access points to heaven are to be modernized in the near future. The plans have not yet been published, but well-informed circles have learned that the previously used moving walkways are to be replaced by a kind of pneumatic tube. Representatives of the other Christian denominations affirm that they know nothing of such plans. The chairwoman of the council of the Evangelical Church in Germany, however, is clearer and threatens „another reformation if the papists get serious about this nonsense.“

(gesehen in Paris / seen in Paris)

Aus dem Familienalbum (59)

Mein Vetter Herrmann macht gerade eine Ausbildung zum Industriekapitän im Baugewerbe, zumindest haben seine Eltern ihm das eingeredet. Tatsächlich ist Herrmann nicht der Hellste, weshalb seine Eltern dem örtlichen Bauunternehmen sehr dankbar waren, dass man ihm eine Stelle als Baustellenmaskottchen gegeben hat. Nun steht er Tag für Tag auf dem Gerüst, trägt zum marineblauen Overall einen marineblauen Schutzhelm und glaubt, er könne mit seinem Steuerrad all die großen Maschinen bewegen. In der Mittagspause geben die Kollegen ihm ein Bier aus und haben dafür den ganzen Tag etwas zu lachen.

From the family album – My cousin Herrmann is currently training to become a captain in the construction industry, at least that’s what his parents told him. In fact, Herrmann isn’t the brightest, which is why his parents were very grateful to the local construction company for giving him a job as a construction site mascot. Now he stands on the scaffolding every day, wears a navy blue hard hat with his navy blue overalls and thinks he can move all the big machines with his steering wheel. During the lunch break, the colleagues buy him a beer and in return have something to laugh about all day long.

(gesehen in Venedig / seen in Venice)

Neues aus der Wissenschaft (9)

Wissenschaftlern der Fachhochschule Dingolfing ist es erstmals gelungen, einen Pilz zu züchten, der in feuchtem Mauerwerk leben kann und Fruchtkörper bildet, die nicht nur aussehen wie Kamine, sondern auch als solche genutzt werden können. Feuchte Altbauten, die mit diesem Pilz infiziert wurden, zeigten schon nach wenigen Wochen ein starkes Kaminwachstum. Da durch den Klimawandel Nordeuropa immer feuchter wird, könnte dies eine nützliche Zukunftstechnologie für die kalte Jahreszeit werden.

Science news – Scientists from the Dingolfing University of Applied Sciences have for the first time succeeded in cultivating a fungus that can live in damp masonry and forms fruiting bodies that not only look like chimneys, but can also be used as such. Damp old buildings that were infected with this fungus showed strong chimney growth after just a few weeks. As climate change makes northern Europe wetter, this could become a useful future technology for the cold season.

Unerhört!

Würden Sie mir bitte erklären, was das zu bedeuten hat? Wo ist der Rest von mir?

Outrageous! – Would you please explain to me what that means? Where is the rest of me?

(gesehen in Pordenone im Friaul / Seen in Pordenone in Friuli)

Neues aus der Wissenschaft (8)

Italienische Wissenschaftler haben eine clevere Lösung gefunden, wie man sich teure Museumsbauten sparen kann. Dinosaurierfossilien eignen sich nämlich hervorragend für Brückenkonstruktionen. Momentan arbeitet man außerdem daran, zigtausende von antiken Statuen, die ungenutzt in Museumsarchiven lagern, in Pfosten für Straßenlaternen, Schilder und Ampeln umzuarbeiten. So spart man eine Menge Geld und die Städte werden schöner.

Science news – Italian scientists have found a clever solution to save on expensive museum buildings. Dinosaur fossils are excellent for building bridges. Work is also underway to convert tens of thousands of ancient statues sitting unused in museum archives into poles for street lamps, signs and traffic lights. This saves a lot of money and the cities become more beautiful.

Herzlichen Glückwunsch!

Ob es auch eine Annonce geben wird, sobald das Entlein aus dem Ofen kommt? Ich bringe gerne den Wein mit!

Congratulations! – Will there also be an advertisement as soon as the duckling comes out of the oven? I’ll bring the wine!

Vom Leben

  1. Von der Jugend
    Wenn man jung ist, fehlen oft die Dings
    die, mit denen man was sagen tut
    und dennoch sprudelt’s aus dem Quell
    Ein Geheimnis wohnt an jedem unbekannten Dingsda
    in einem selbst wohnt nichts, nur Wut
    Einer wird drob düster, ein andrer kriminell

Verborgen noch des Lebens grüner Dingens
der, an dem die überreife Frucht
des Triebes sehnend sich errötet
während dünner Oberlippendings
wie ein Wald aus Draht zu sein sucht
und Rima Glottidis in falschen Tönen flötet

Die Einzige schaut stumpf als wär man dings
Der Alte plärrt und droht mit Gosse
stakkaten pocht der Takt des Lebens
und wie der Fisch in seinem Dings
rührt man von 9 to 5 die Flosse
und ahnt: Es ist vergebens

  1. Vom Rest
    Was dann geschieht, ist schnell erzählt:
    Schuften, Ring und Kindertränen
    und da nicht eines davon fehlt
    fehlt nichts, sich danach noch zu

Burnout, Scheidung, schlimmer Rücken
sind, was den Menschen wohl beseelt
den tief verborgnen Wunsch zu

Rente, Hirnschwamm, Letzteruhekissen
Da Wort, da dings nun fehlt
wird’s Zeit, sich endlich leise zu

Ein Bild aus einer anderen Zeit (5)

aus meinem Archiv / from my archives

Diese Zeichnung entstand, nachdem ich im März 1988 mit dem Russischkurs meiner Schule in die Sowjetunion gereist bin. Wir haben 10 Tage lang Moskau und Leningrad besucht, wurden dabei von einer blonden lettischen KGB-Reiseführerin beaufsichtigt und haben vor Staunen die Münder nicht mehr zubekommen. Tatsächlich kann ich aber gar nicht so viel erzählen, weil ich zum ersten Mal diesen Planeten verlassen hatte und mit dieser völlig fremden Welt komplett überfordert war. Allein der Flug von Ost-Berlin nach Moskau in einem fliegenden Interflug-Zinksarg war derart traumatisierend, dass ich überlegt habe, einfach nicht mehr heimzufahren, aber die Russen wollten mich auch nicht behalten.

A picture from another time – This drawing was made after I traveled to the Soviet Union in March 1988 with my school’s Russian course. We visited Moscow and Leningrad for 10 days, supervised by a blonde Latvian KGB tour guide, and couldn’t shut our mouths in amazement. In fact, I can’t really tell that much because I had left this planet for the first time and was completely overwhelmed with this completely foreign world. Just the flight from East Berlin to Moscow in a flying Interflug zinc coffin was so traumatizing that I considered simply not going back home, but the Russians didn’t want to keep me either.