Aus dem Familienalbum (5)

Dies sind die Tassen, die meine Großeltern am 8. Mai 1945 hochhielten, um auf das Kriegsende anzustoßen. Mangels Alkohol taten sie das mit Kaffee, der aber auch keiner war, sondern etwas anderes, wovon man gar nicht wissen wollte, was es war, wie so viele so vieles zu dieser Zeit nicht wissen wollten, meine Großeltern eingeschlossen. Später wollten sie zum Beispiel nichts davon wissen, dass sie unter Umständen möglicherweise schon zwölf Jahre zuvor angestoßen hatten, und selbst wenn, dann „auf keinen Fall mit diesen Tassen“. Meine Großmutter meinte immer, damals habe man eben „nicht alle Tassen im Schrank gehabt“. In den Jahren darauf jedoch schon, sogar mehr als das, denn seltsamerweise hätten die Nachbarn alle ihre Tassen zurückgelassen, als sie plötzlich verschwunden waren, wohin auch immer, unter anderem auch diese beiden, auf die sie und ihr Mann seitdem gut aufgepasst hätten, falls die Nachbarn doch noch einmal zurückgekommen wären.

From the family album – These are the cups my grandparents raised on May 8, 1945, to toast the end of the war. Lacking alcohol, they did that with coffee, which was not coffee, but something else that you did not want to know what it was, as so many did not want to know a lot at the time, including my grandparents. Later, for example, they did not want to know that they had possibly toasted twelve years earlier, and even if, then, „by no means with those cups“. My grandmother used to say that back then you just „did not have all the cups in the cupboard“ (german expression for ‚to have lost one’s marbles‘). But in the years after that even more, because strangely the neighbors have left all their cups behind when they suddenly disappeared, wherever, including those two whom she and her husband had been paying attention to, ever since the neighbors would have come back again.

Aus dem Familienalbum (4)

Cousin Eberhard wohnt im zehnten Stock, und es ist uns allen ein Rätsel, wie er es geschafft hat, die Genehmigung des Vermieters zu bekommen, vor dem Wohnzimmerfenster einen Erker anzubauen. Dieser gleicht in Form und Ausstattung einem dieser venezianischen Wasserbusse, zumindest dem vorderen Drittel eines solchen Bootes, denn Eberhard träumte seit einer Reise nach Venedig in seiner Jugend immer davon, einmal Kapitän auf einem solchen Schiff zu sein. An seinen Geburtstagen müssen wir nach dem Mittagessen für eine halbe Stunde auf den Hartschalensitzen Platz nehmen, während unser Kapitän in seiner schönsten Uniform zwischen Fenstern und Reling entlang schreitet, sinnend in die Ferne blickt und ab und zu vollkommen sinnlos die Glocke läutet. Dennoch ist seine Vorstellung insgesamt sehr glaubwürdig und auch das Wissen, in einem Boot 30 Meter über dem Erdboden zu schweben, führt dazu, dass die meisten von uns tatsächlich seekrank werden. Danach gibt es zum Glück immer Schnaps.

From the family album – Cousin Eberhard lives on the tenth floor, and it’s a mystery to us all how he managed to get permission from the landlord to build an oriel in front of the living room window. In form and equipment it resembles one of these Venetian water buses, at least the front third of such a boat, because since a trip to Venice in his youth Eberhard always dreamed of being a captain on such a ship. On his birthdays, after lunch, we have to sit on the hard-shell seats for half an hour, while our captain, in his most beautiful uniform, walks between the windows and the railing, gazing into the distance and now and then uselessly ringing the bell. Nevertheless, the performance is very credible overall. Also, knowing that you are floating in a boat 30 meters above the ground will cause most of us to actually get seasick. After that, fortunately, there is always schnapps.

Aus dem Familienalbum (3)

Mein Großonkel Otto ging, als sein Rauhaardackel an Herzverfettung gestorben war, in die Tierhandlung und verlangte Ersatz, schließlich habe er den Dackel erst acht Jahre zuvor dort erstanden und da sei doch gewiss noch Garantie drauf. Zu seiner Befriedigung wollte man seinem Ansinnen gerne entsprechen. Die Garantie sei zwar schon abgelaufen gewesen, aber bei einem treuen Kunden wie ihm mache man gegen eine kleine Gebühr natürlich eine Ausnahme. Heute erst sei eine Art Zwergdackel ins Sortiment gekommen, der nicht sehr flauschig sei, aber dafür viel sparsamer im Verbrauch und sogar doppelt so viele Beine habe. Onkel Otto war begeistert und nahm den Dackel sofort mit nach Hause. Das Tier höre zwar nicht auf den Namen, den er ihm gegeben habe, aber das sei egal, er höre ja auch nichts mehr. Es scheine sehr stark zu haaren, denn überall hinterlasse es dieses dünne, silberne, klebende Haar, sogar in den Winkeln unter den Zimmerdecken, aber das mache nichts, er klebe es sich immer auf die Glatze, so spare er sich Toupet und Hut. Das Beste aber sei, dass das Tier weder ein Verlangen nach Trockenfutter zu haben scheine, noch danach, Gassi zu gehen. Dennoch bleibe es stubenrein. Am liebsten hocke es auf seinem Kopf oder Schultern und zwicke ihn ein bisschen. Ein sehr ungewöhnliches Verhalten für einen Hund, aber das mache nichts. Einem so preiswerten Dackel schaue man nicht ins Maul. So pflege man doch zu sagen?

From the family album – My great-uncle Otto went to the pet shop when his wire-haired dachshund had died from fatty disease of the heart and demanded replacement. After all, he had bought the dachshund only eight years before and certainly there was a guarantee on it. To his satisfaction the owner wanted to comply with his request. The warranty had already expired, but for a loyal customer like him there is an exception, for a small fee of course. At the very day they have been provided with a kind of dwarf dachshund, which is not very fluffy, but much more economical in consumption and has even twice as many legs. Uncle Otto was enthusiastic and took the dachshund home immediately. The animal does not react to the name he gave him, but that does not matter, he himself does not hear anything anymore. It seems to shed, because everywhere it leaves this thin, silvery and sticky hair, even under the ceilings, but that does not matter, he always stick it on his bald head, so he spare his toupee and hat. Best of all, the animal does not seem to have a craving for dry food, nor to go for a walk. Nevertheless, it stays house-trained. It likes to squat on his head or shoulders and pinch him a bit. A very unusual behavior for a dog, but that does not matter. Don’t look a cheap dachshund in the mouth as they say, don’t they?

Aus dem Familienalbum (2)

Meine Großmutter nennt ihren jüngsten Sohn, meinen Onkel Alfons, gerne eine Lichtgestalt. Ich dagegen glaube, er hat einen Schatten. Wenn er zu Besuch ist, dreht er sofort sämtliche Heizkörper auf die höchste Stufe, sogar im Sommer, wenn die Heizung überhaupt nicht an ist. Womöglich kommt das daher, dass er als Kind, wenn er etwas ausgefressen hatte, immer hinunter musste, wo es kalt und dunkel war, um die Kohlen zu zählen. Für den Fall seines Besuchs habe ich darum immer ein schönes dunkles Kellerbier im Kühlschrank.

From the family album – My grandmother likes to call her youngest son, my uncle Alfons, a luminous figure. I think he has a dark side too. When he visits, he immediately turns all the radiators to the highest level, even in summer, when the heating is not on at all. Maybe that’s because as a child, when he did something wrong, he always had to go down to where it was cold and dark to count the coals. Therefore, in the case of his visit I always keep a nice dark cellar beer in the fridge.

Spielverliebt

Etwas irritiert war ich, als der Mann hinter dem Schalter auf meine Bitte, eine Überweisung vorzunehmen, erst einsilbig reagierte und dann verlangte, ich möge ihm jetzt bitte in seine Puppenküche folgen, er habe da was auf dem Herd, das ich unbedingt probieren müsse. Zuerst verbuchte ich das noch als exzentrisch, wie man es von Bankern eben gewohnt ist. Möglicherweise hatten sich auch die AGB geändert und ich hatte es nicht mitbekommen. Aber als ich dann am Geldautomaten sechs Zahlen tippen sollte und mir die Auszahlung verweigert wurde, weil ich „leider keine Richtigen“ hätte, da war ich doch ein wenig angefressen.

In Love with gambling – I was quite confused when the man behind the counter responded to my request to make a transfer, first monosyllabic and then demanded that I should follow him into his doll kitchen, where he had something on the stove, which I must degustate necessarily. At first, I took that as eccentric as you would expect from bankers. Maybe the GTC had changed and I had not noticed. But then I should guess six numbers at the ATM and I was denied the payoff, because „unfortunately you didn’t score“. I was a little bit annoyed.

Aus dem Familienalbum (1)

Der Höhepunkt unseres Osterfestes ist die traditionelle Partie Boccia, wobei die Familienmitglieder mütterlicherseits gegen die Familienmitglieder väterlicherseits antreten, vorausgesetzt alle erinnern sich noch, zu welchem Teil sie gehören (was nicht immer der Fall war, weshalb beispielsweise meine Tante Magda noch im hohen Alter von 72 Jahren Mutter wurde, da ein leicht vertrottelter Cousin, dessen Namen ohnehin niemand kannte, behauptete, er sei ihr Sohn). Sie können sich bestimmt vorstellen, dass eine Partie Boccia mit einigen Dutzend Spielern eine Weile dauert. Die Zahl der Teilnehmer ist übrigens immer unsicher, weil schon mancher Urgroßonkel vor Beendigung der Partie verschieden ist. Da wir also nie genau wissen, wie viele Beerdigungen im Anschluss stattfinden werden, zog sich manche Osterfeier über Wochen hin, nicht zuletzt, weil inzwischen die Mehrzahl der Verwandten vergessen hatte, wer an der Reihe war, eine Kugel zu platzieren, sodass das Spiel abgebrochen und neu begonnen werden musste.

From the family album. – The highlight of our Easter celebration is the traditional bocce game, with the maternal family members competing against the paternal family, assuming they still remember which part they belong to (which was not always the case. My aunt Magda for example became a mother at the age of 72, since a slightly spoiled cousin, whose name no one knew anyway, claimed that he was her son). You can imagine a game of bocce with a few dozen players taking a while. Incidentally, the number of participants is always uncertain, because many a great-great-uncle died before the end of the game. So, since we never know exactly how many funerals will take place afterwards, many Easter celebrations dragged on for weeks, not least because the majority of relatives now had forgotten whose turn it was to place a ball, so the game was aborted and had to be restarted.

Alternative Religionsgeschichte

Wenn die Römer damals ihre Verurteilten nicht gekreuzigt, sondern einfach an die nächste Wand genagelt hätten, sähe es heute in allen Bauernstuben so aus. Und ein Gläubiger, der um den Beistand Gottes bittet, würde sich freilich nicht bekreuzigen, sondern mit den Händen so alberne Bewegungen machen wie ein Pantomime, der sich an einer unsichtbaren Wand entlang tastet. Insofern war es nett von den Römern, dass sie uns diese Zumutung erspart haben.

Alternative religious history – If the Romans had not crucified their condemned at that time, but simply nailed them to a wall, today it would look like this in all the farmhouse parlors. And a believer who asks for the assistance of God, of course, would not make the sign of the cross, but make as silly movements as a pantomime, which gropes along an invisible wall. So it was nice of the Romans, that they have spared us this impertinence.

Erschienen / published in Titanic 8/2019

Wie süß!

Ich habe keine Ahnung, was das für ein Tierchen ist, aber irgendwie ist es ganz reizend. Auf dem Weg zur Arbeit komme ich an dieser Kellerwohnung vorbei und jeden Tag scheint es hinter dem Fenster auf mich zu warten und hüpft aufgeregt hin und her. Dabei gibt es so süße kleine Laute von sich, so ‚Piep Wuff‘ oder auch ‚Mäh Muh‘. Ich glaube, es weiß selbst nicht genau, was es ist.

So cute! – I have no idea what this animal is, but somehow it is quite lovely. On the way to work, I pass this basement and every day it seems to wait for me behind the window and bounces excitedly back and forth, making sweet little sounds like ‚tweet woof‘ or ‚baa moo‘. I do not think it knows exactly what it is.

Sich selbst genug sein

Ich habe kein facebook, kein Instagram, kein twitter, kein netflix, kein snapchat, bin kein Gamer, habe kein I-Phone, keine cloud und es gibt sicher noch viel mehr Spielzeug, das ich auch nicht habe. Dafür habe ich Rücken- und Knieschmerzen, damit wenigstens ich jeden Tag daran erinnert werde, dass ich ein alter Sack bin. Die anderen werden es ja nie erfahren.

Being self-sufficient – I’m not on facebook, not on Instagram, not on twitter, not on netflix, not on snapchat, I am not a gamer, I do not have an I-Phone, no cloud and there are certainly many more toys I do not have either. But I have back and knee pain, so at least I am reminded every day that I’m an old geezer. The others will never know.

Erschienen / published in Titanic 7/2019