Psychotest

Was fällt Ihnen beim Anblick eines solchen Himmels ein: ein böses Omen, ein aufziehender Weltkrieg, das jüngste Gericht, das überzogene Girokonto? – Ich finde ja, dieser Himmel sieht aus wie ein schönes Glas Campari-Spritz an einem lauen Sommerabend. Für Katastrophen ist am nächsten Morgen immer noch Zeit.

Psychological test
What do you think of seeing a sky like this: a bad omen, a rousing world war, doomsday, the overdrawn current account? – I think, this sky looks like a nice glass of Campari-Spritz on a warm summer evening. There is still time for disasters the next morning.

Dänisches Tetris

Ein besonderes Feature des dänischen Pavillons auf der Biennale in Venedig ist der Boden, auf dem zwei aus Dänemark eingeflogene Fliesenleger zwischen Eröffnung im Mai und Schließung der Kunstausstellung im November eine sehr langsame Partie Tetris gegeneinander spielen.

Danish Tetris
A special feature of the Danish pavilion at the Venice Biennale is the floor on which, between opening in May and closing of the art exhibition in November, two pavers, flown in from Denmark, play a very slow game of Tetris against each other.

Rhetorische Frage

Vor kurzem sah ich dies: keinen Regenbogen, sondern einen Regenring. Das war kein Reflex in der Kamera, sondern tatsächlich am Himmel über mir zu sehen. Ist es nicht erstaunlich, was Physik und Optik und was auch immer noch daran beteiligt gewesen sein mag, mit ein wenig Wasser und Licht zustande bringen, während ich es in meinem hell erleuchteten Badezimmer nicht immer unfallfrei schaffe, ein Bad zu nehmen? Sagen Sie jetzt bitte nichts.

Rhetorical question
Recently I saw this: not a rainbow, but a rain ring. That was not a reflex in the camera, but actually seen in the sky above me. Isn’t it amazing what physics and optics and whatever else may have been involved in doing so, can achieve with a little water and light, while I, in my brightly lit bathroom, do not always manage to take a bath accident-free? Please do not say anything now.

Aus dem Familienalbum (13)

Seitdem mein Schwager einmal zu lange in der Sonne lag, verwendet ihn meine Schwester bei ihren Gartenpartys abends als Stimmungslicht. Ihre Freundinnen seien schon ganz neidisch.

From the family album
Ever since my brother-in-law lay in the sun too long, my sister uses him as a mood light in the evening at their garden parties. Her friends are already very jealous.

Katze mit Aussicht

Als die Katze schon einige Zehnjahre auf Beute lauerte, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, dass sie zu versteinern begann. „Na sowas!“ dachte sie, vergaß es aber sogleich, da nun ihre ganze Aufmerksamkeit einem kleinen munteren Vogel galt, der von links nach rechts durch ihr Blickfeld flog.

Cat with a view
As the cat lurked for prey for some tens of years, she noticed to her astonishment that she was beginning to petrify. „Well,“ she thought, but forgot it immediately, because now her whole attention was on a small cheerful bird that flew from left to right through her field of vision.

Drei Heuler beim Feuerwerk

Nachdem wir stundenlang unseren Platz auf einer Fensterbank im Erdgeschoß eines Hauses tapfer verteidigt haben, erlöschen zum Zeichen des nahenden Beginns des Feuerwerks die Laternen am Ufer der Giudecca. Plötzlich kommt eine junge Frau und behauptet, da sei doch noch genügend Platz für sie, und wenn man sich auf die Bank stelle, habe man natürlich einen besseren Blick. Und schon steht sie neben mir und ruft per Telefon ihre beiden Freundinnen herbei, sie habe da „einen phantastischen Platz gefunden“. In dem Moment beginnt das Spektakel. Ich will den Anfang gerne filmen, aber sie rempelt mich an. Ich mache einen weiteren Versuch, aber sie hampelt vor meiner Kamera herum. Ich beginne zum dritten Mal, da kommen ihre Freundinnen auch schon an und klettern zu uns hinauf, wobei sie mich wieder so anrempeln, dass der Film nicht zu gebrauchen ist. Alle Leute um uns herum sind fasziniert von dem schönen Feuerwerk und tun das, was man dann tut, nämlich den Mund halten und sonst nichts, während die drei Irren neben mir jubeln, schreien, klatschen und, warum auch immer, den Bürgermeister von der rechtsradikalen Lega für das Feuerwerk loben, als habe der persönlich jede einzelne Rakete ausgewählt. Dazwischen unterhalten sie sich darüber, welcher Nudelsorte die letzte Lichterscheinung ähnelt. – Einen halben Tag saß ich mir den Hintern platt, um diesen Moment zu genießen, und dann erinnern mich die einzigen drei offensichtlich völlig Wahnsinnigen unter siebzigtausend Zuschauern daran, dass es in dieser Welt nichts umsonst gibt.

Three howlers at the fireworks
After bravely defending our place on a windowsill for hours, the lanterns on the banks of the Giudecca are turned off as a sign of the beginning of the fireworks. Suddenly a young woman arrives and claims that there is still enough space, and if we stand on the bench, we will have a better view. An instant later she stands next to me and calls her two friends over the phone, that she found „a fantastic place“. At that moment the spectacle begins. I want to film the beginning, but she bumps into me. I make another try, but she’s jumping around in front of my camera. I start for the third time when her girlfriends arrive and climb up to join us, jostling me again so that the movie is spoilt. All the people around us are fascinated by the beautiful fireworks and do what one usually does, namely to shut up and nothing else, while the three lunatics cheer, shout, clap and, for whatever reason, praise the right-wing mayor from the Lega for the fireworks, as if he personally selected each rocket. In between they talk about which type of pasta resembles the last light phenomenon. – For half a day I sat on my butt only to enjoy this moment, and then the only three obviously completely insane under seventy thousand spectators remind me that in this world there is nothing for free.

Übers Wasser gehen

Am Tag des Redentore-Fests wird eine Brücke aus Pontons zwischen der Giudecca und Dorsoduro errichtet, über die ab 19.00 Uhr die Pilger zur Palladio-Kirche auf der Insel wallfahren können. In der Mitte der Brücke gibt es einen Bogen, unter dem man mit dem Boot hindurchfahren kann, für die größeren Schiffe und die Wasserbusse ist der Kanal aber natürlich gesperrt. Im Laufe des Abends füllt sich das Becken vor San Marco mit Booten, meist Familien, die sich das Feuerwerk vom Wasser aus ansehen. Es sind aber auch einige größere Discoboote darunter, die gewaltig Lärm machen. Auch die Ufer sind mit Tausenden von Menschen gefüllt, die auf den Stufen vor der Kirche sitzen oder auf der Uferbefestigung oder sich einen Tisch gemietet haben und in großen Kühltaschen Essen heranschaffen. Wer auf dem richtigen Ufer der Giudecca ein Haus oder eine Bar besitzt, macht an diesem Tag wahrscheinlich allein durch die Vermietung von Tischen oder Fensterplätzen soviel Profit wie im restlichen Jahr. Das Feuerwerk beginnt eine halbe Stunde vor Mitternacht und dauert ca. 40 Minuten. Noch bevor die letzte Rakete gezündet hat, sieht man schon Boote die Flucht ergreifen und Menschen auf die Brücke zustürmen, denn wer sich jetzt Zeit lässt, wird erst sehr spät ins Bett kommen. Von Dorsoduro aus wollen nur noch wenige herüber, um die Kirche zu besuchen, dafür versuchen Tausende auf einmal, über die Brücke nach Hause zu gelangen. Damit sie sich nicht gegenseitig tottrampeln, ist die Brücke dicht besetzt mit Sicherheitspersonal, das anscheinend aus allen Feuerwehr-, Militär- und Polizeieinheiten zusammengesetzt ist, jedenfalls habe ich noch nie so viele unterschiedliche Uniformen gesehen. Nur die Pfadfinder haben gefehlt.

To walk on water
On the day of the Redentore Festival, a bridge of pontoons will be built between the Giudecca and Dorsoduro, from which pilgrims after 7 pm will be able to make a pilgrimage to the Palladian church on the island. In the middle of the bridge there is a bow, under which you can go by boat. For the larger ships and the water buses the channel is blocked of course. During the evening, the basin of San Marco get filled with boats, mostly families, who want to watch the fireworks from the water. But there are also some larger disco boats making a lot of noise. The shores are packed with thousands of people sitting on the steps in front of the church or on the banks, or renting a table and bringing food in large coolers. Who owns a house or a bar on the right bank of the Giudecca, probably makes as much profit on this day alone by renting tables or window seats as during the rest of the year. The fireworks start half an hour before midnight and take about 40 minutes. Even before the last rocket has fired, you can see boats fleeing and people storming on the bridge, because who now takes his time, will come to bed very late. From Dorsoduro only a few people come to visit the church, but thousands try to get home via the bridge at once. For they do not trample on each other, the bridge is densely staffed with security personnel, apparently composed of all fire brigade, military and police units, at least I have never seen so many different uniforms. Only the scouts were missing.

Angenehme Begegnung

Auf der Giudecca, am frühen Abend der Festa del Redentore, auf das Feuerwerk wartend, sitzen wir vor dem Haus, in dem einmal der Schauspieler U. Tukur gewohnt hat und vertreiben uns die Zeit. Da bleibt die alte Dame im geblümten Kleid an unserem Tisch stehen, sie habe uns Deutsch sprechen gehört. Bevor wir überhaupt wissen, wie uns geschieht, erzählt sie uns auch schon in deutlich erkennbarem Badisch ihre Lebensgeschichte. Sie habe sich 1955 in einen italienischen Uhrmacher verliebt und sei ihm nach Venedig gefolgt, wo Junghans auf der Giudecca eine Fabrik betrieben habe. Zufällig hat P. eine Junghans am Arm, aber ein späteres Modell. Sie ist dennoch erfreut. Ob das nicht sehr schwer gewesen sei in der damaligen Zeit, mit einem Italiener auszugehen? Ja, bestätigt sie fröhlich: „Es war ein Kampf!“ – Im Laufe des Abends sehen wir sie noch dreimal. Sie hat das Kleid gewechselt und unsere Unterhaltung schon vergessen: „Kennen Sie mich?“

Pleasant encounter
On the Giudecca, in the early evening of the Redentore festival, waiting for the fireworks, we are sitting in front of the house where the actor U. Tukur once lived, whiling away the time. Suddenly an old lady in a flowered dress stops at our table, she heard us speaking German. Before we even know what is happening, she tells us her life story in clearly recognizable badish dialect. She fell in love with an Italian watchmaker in 1955 and followed him to Venice, where Junghans had a factory at the Giudecca. By chance, P. has got a Junghans on his wrist, but a later model. She is still pleased. Wasn’t it very difficult in those days to go out with an Italian? Yes, she cheerfully confirms: „It was a fight!“ – During the evening we see her three more times. She changed the dress and forgot our conversation: „Do you know me?“

Abendmahl abgesagt

Giudecca, Venezia

Der Chef wollte mal wieder angeben und tat so als könne er übers Wasser gehen. Natürlich fiel er hinein und fast wäre er ersoffen. Wir brachten ihn ins Krankenhaus, P. meinte, er bleibe bei ihm und sie kämen dann nach, wir sollten schon mal vorgehen. Im Lokal stellte sich dann auch noch heraus, dass J.C. gar nicht für 13 Personen reserviert hatte. Der Wirt bot uns einen winzigen Tisch direkt am Wasser an, Stühle gebe es leider keine mehr. Wir sind dann alle einfach wieder nach Hause gegangen. Typisch!

Last Supper, canceled
The boss wanted to boast again and acted as if he could walk over water. Of course he fell in and almost drowned. We took him to the hospital, P. said he would stay with him and they would come after us, we should go ahead. At the local it turned out that J.C. did not make a reservation for 13. The landlord offered us a tiny table right on the water, unfortunately there were no more chairs. We all just headed back home. Typical!

Was bei der Schöpfung übrig blieb (6)

Nachdem Gott die ganze Welt von oben bis unten mit Nordmanntannen zugestellt hatte, weil er deren Farbe beruhigend fand und er den Anblick seiner ganz und gar misslungenen Schöpfung einfach nicht mehr ertrug, standen plötzlich zwei Nervensägen von der Unteren Naturschutzbehörde vor der Tür und meinten, das ginge so aber gar nicht, das sei ja eine monströse Monokultur und inzwischen seien schon mehr als 95 Prozent aller Arten ausgestorben und ob er sich über die Konsequenzen klar sei. Dann drohten sie ihm mit einer empfindlichen Geldstrafe, schlimmstenfalls sogar mit Enteignung und zogen wieder ab. Also nahm er hier und da ein paar Bäume heraus und ließ sie am Straßenrand liegen. Sollte sich doch die Müllabfuhr darum kümmern. – Noch heute feiern die Leute dieses Ereignis, indem sie jedes Jahr im Februar riesige Haufen aus Nadelbäumen errichten.

What was left over at creation – After God had covered the whole world from top to bottom with Caucasian firs, because he found their color soothing and he just could not stand the sight of his totally failed creation, suddenly two nuisances of the Lower Conservation Authority appeared outside the front door and said that it was not alright, that it was a monstrous monoculture and that more than 95 percent of all species have now been extinct and whether he was aware of the consequences. Then they threatened him with a sensitive fine, in the worst case even with expropriation and withdrew. So he took out a few trees here and there and left them at the roadside. Let the garbage collection take care of it. People are still celebrating this event by building huge piles of conifers each year in February.