Wie es wirklich war (12)

Eines Tages war es das Burgfräulein leid, dass die Burg zwar einige Dutzend Schießscharten hatte, aber keine Öffnungen, durch die man die schöne Landschaft betrachten oder mit einem hübschen Ritter flirten konnte. Vor allem aber fiel durch die Scharten nicht genügend Licht, um ihre Schönheit sichtbar zu machen. Tatsächlich war es in der Burg so dunkel, dass man ständig gegen geschlossene Türen lief oder auf der Treppe stolperte. Darum bat sie ihren Vater, ein paar der Schießscharten zu Schauscharten zu vergrößern, doch der war strikt dagegen, denn das sei aus militärischer Sicht Unfug. Das Fräulein war aber nicht davon abzubringen und baute die Schießscharte in ihrem Gemach deshalb heimlich zu einer Schauscharte um. Dabei wurde sie von einem zwar hübschen, aber feindlichen Ritter gesehen und mit einem gut gezielten Pfeil erschossen. Seitdem sind Schießscharten zum Glück aus der Mode gekommen, dennoch hat sich für die Öffnungen, aus denen wir die Landschaft bewundern und hübschen Rittern zuwinken, die Bezeichnung Schauscharte nicht durchsetzen können, weshalb wir sie heute noch unzutreffend Finster nennen.

How it really was – One day the damsel of the castle got tired of the fact that the castle had a few dozen embrasures but no openings through which one could admire the beautiful landscape or flirt with a handsome knight. Above all, however, not enough light fell through the gaps to make her beauty visible. In fact, it was so dark in the castle that you kept running into closed doors or tripping on the stairs. So she asked her father to enlarge some of the arrow slits to viewing slits, but he was strictly against it, because from a military point of view that was nonsense. However, the young lady could not be dissuaded and therefore secretly converted the arrow slit in her room into a viewing slit. She was seen by a handsome but hostile knight and shot with a well-aimed arrow. Since then, embrasures have fortunately gone out of fashion, but the denomination for the openings from which we admire the landscape and wave at handsome knights has not prevailed, which is why we still incorrectly call them windarks. (silly wordplay with the german expression für ‚gloomy‘)

Gemischte Gefühle in Changi

In der Transit Lounge im Flughafen von Singapur, wo ein Sitzplatz für ein paar Stunden 40 Euro kostet, versuche ich, nach einem quälend langen Flug ohne Schlaf, ein bisschen Ruhe zu finden, doch die meisten Leute plappern ins Handy und aus den Lautsprechern tönt „Guten Abend, gute Nacht“ als Gitarrenmusik! Hier ist es acht Uhr morgens, aber der Typ am Empfang händigt mir lächelnd zwei Gutscheine für alkoholische Getränke aus. Ich bin todmüde und stocksauer, doch der südostasiatische Humor ist genau mein Ding.

Mixed feelings in Changi – In the Singapore airport transit lounge, where a seat costs €40 for a few hours, I’m trying to get some rest after an agonizingly long, sleepless flight, but most people are chattering away on their phones and the speakers are blaring, „Good evening, good night” as guitar music! It’s eight in the morning here, but the guy at the desk is smiling and handing me two vouchers for alcoholic drinks. I’m dead tired and pissed off, but Southeast Asian humor is right up my alley.

Rand- und Nebenwissen (5)

In Venedig ist es nach wie vor üblich, dem Reisenden bei seiner Ankunft während der größten Sommerhitze einen warmen Umhang und eine Kappe aufzusetzen, um auf diese Weise seine Körpertemperatur bis ins Unerträgliche zu steigern, sowie ihn mit von einem Anfänger gefiedelten Jahreszeiten von Vivaldi zu quälen, bis der Tourist in einem Ausbruch äußersten Zorns mittels des ausgehändigten Knüppels den kleinen Geiger massakriert. Nach diesem kathartischen Akt der Triebabfuhr sei der Reisende entspannt und geläutert und werde so erst in die Lage versetzt, die Schönheiten Venedigs in sich aufzunehmen.

Marginal and secondary knowledge – In Venice, it is still customary to put a warm cloak and cap on the traveler upon arrival, during the hottest summer heat, thus raising his body temperature to the point of unbearability, and to torment him with Vivaldi’s Seasons fiddled by a beginner, until the tourist, in a fit of extreme anger, massacres the little violinist with the handed club. After this cathartic act of dispelling the instincts, the traveler is relaxed and purified and only then is he able to take in the beauties of Venice.

(gesehen in der / seen in the Gallerie dell’Accademia)

Selbsterziehungstipp

Ich habe zwar keine Kinder, habe aber neulich gelernt, dass man nie sagen soll: „Das ist mir egal“, wenn einen die Blagen vor die Wahl zwischen Pest und Cholera stellen, sondern stets „Mir ist beides Recht“. Seitdem treibe ich meinen Vorgesetzten erfolgreich in den Wahnsinn, denn jetzt muss er die Entscheidungen fällen, die er bisher bequem delegieren konnte. Ich lehne mich zurück und schaue zu, wie er den Karren an die Wand fährt.

Self-education tip – I don’t have any children, but I recently learned that you should never say: „I don’t care“ when the brats give you the choice between plague and cholera, but always say: „I’m fine with either.“ Since then, I’ve been successfully driving my manager insane, because now he has to make the decisions that he was previously able to delegate easily. I sit back and watch as he drives the cart into the wall.

Gute Verdauung

Der „Sotoportego de la bissa“ in Venedig, also die ‚Unterführung der Kuh’, ist ähnlich verwinkelt und gewunden wie der Verdauungstrakt der Namensgeberin. Am Schluss wird man am Rialto ausgeschissen, was angesichts der schwitzenden Menschenmassen dort nicht angenehm ist, aber wenn am Ende des Weges ein leckerer Rinderbraten wartet, ergibt plötzlich alles einen Sinn.

Good digestion – The „Sotoportego de la bissa“ in Venice, i.e. the ‚underpass of the cow‘, is as winding as the digestive tract of the namesake. You end up getting shitted out at the Rialto, which isn’t pleasant given the sweating crowds there, but when a delicious roast beef awaits at the end of the trail, it all makes sense.

Wie es wirklich war (11)

Als Voltaire das Reich der Schatten betrat, war er gewiss, dass es sich um einen Irrtum handele und er sogleich auf den Olymp geführt werde, wo er als Vergöttlichter seinen ihm gebührenden Platz neben den Göttern einnehmen dürfte. Noch als er auf der Affodillwiese vor den drei Totenrichtern stand, hielt es er für sicher, zumindest mit einem Gruß in die elysischen Gefilde entlassen zu werden, um auf dem Elysion in ewiger Glückseligkeit zu existieren. Umso niederschmetternder war es, feststellen zu müssen, dass die drei Götter weder seinen Namen kannten, noch auch nur ein Wort an ihn richteten. Mit einer Handbewegung deuteten sie ihm an, sich zu den anderen Schatten zu begeben, die in steter Freudlosigkeit auf der Wiese lagerten. Voltaire konnte es nicht fassen, doch was ihm den Rest gab, war der Umstand, dass es schon wieder ausgerechnet der verfluchte Rousseau war, der mit seiner blöden Fackel die Schatten, und auch Voltaires, erzeugen durfte.

How it really was – When Voltaire entered the realm of shadows, he was convinced that it was a mistake and that he would be led straight away to Mount Olympus, where, as a deified one, he would be allowed to take his rightful place alongside the gods. Even as he stood in front of the three judges of the dead on the asphodel meadow, he thought it safe to be released at least with a salute to the Elysian realms in order to exist on Elysion in eternal bliss. It was all the more devastating to find out that the three gods neither knew his name nor said a single word to him. With a wave of their hands they motioned for him to go to the other shadows, who were lying in the meadow in perpetual joylessness. Voltaire couldn’t believe it, but what put him over the edge was the fact that it was the damned Rousseau who was allowed to create the shadows, including Voltaire’s, with his silly torch.

Alternative

Wer zur Zeit mit dem Flugzeug fliegen will, macht vermutlich ungute Erfahrungen mit einer speziellen Art von Cancel Culture. Zum Glück gibt es aber in den meisten größeren Flughäfen einen shop für Chanel Culture. Dann riecht man wenigstens gut während der Rückfahrt nach Hause.

Alternative – Anyone who wants to fly by plane at the moment is probably having bad experiences with a special kind of cancel culture. Fortunately, there is a Chanel Culture shop in most major airports. Then at least you can smell good on the way home.

Genial

Weil der Münchner im Sommer vollends durchdreht und selbst daran glaubt, er sei eine nördliche Abart des Italieners, nur weil ab und zu die Sonne scheint und man nach Feierabend noch draußen sitzen kann, macht der Metzger um die Ecke einen Riesenreibach mit seinem Fegatoformaggio im Panino an Senape dolce. Im Winter verkauft er dann wieder Leberkässemmeln mit süßem Senf.

Brilliant – Because people from Munich go completely crazy in the summer and even believe that they are a northern variant of the Italian, just because the sun shines from time to time and you can still sit outside after work, the butcher around the corner makes a huge fuss with his fegatoformaggio in a panino to senape dolce. In winter he sells meat loaf in a roll with sweet mustard again.

Neues aus der Wissenschaft (10)

Gastronauten der berühmten französischen Drei-Sterne-Küchen-Warte in Paris haben neulich im Sternbild Bratpfanne einen Kugelsternhaufen entdeckt, der vollständig aus Creme Fraiche zu bestehen scheint. Da Creme Fraiche aufgrund des hohen Fettgehalts beim Kochen nicht ausflockt, eignet sie sich gut zum Verfeinern von Soßen und Suppen. Ob sie allerdings auch die hohen Temperaturen in einem Kugelsternhaufen aushält, könnte nur eine Weltraummission feststellen. Allerdings sperren sich besonders die Deutschen in der Europäischen Weltraumagentur ESA gegen ein solches Unterfangen. Deren Sprecher sagte dazu: „Die Schmandvorkommen auf der Erde sind bei Weitem ausreichend. Wir investieren unser Geld lieber in anderen Blödsinn!“

Science news – Gastronauts at the famous French Three Star Kitchen Observatory in Paris have recently discovered a globular cluster in the constellation of the Frying Pan that appears to be made entirely of creme fraiche. Since creme fraiche does not flake out during cooking due to its high fat content, it is well suited for refining sauces and soups. However, only a space mission could determine whether it can withstand the high temperatures in a globular cluster. Though, the Germans in the European Space Agency ESA in particular are opposed to such an undertaking. Their spokesman said: „The sour cream deposits on earth are by far sufficient. We prefer to invest our money in other nonsense!”

Mitteilung eines Introvertierten

Da jetzt jeder mehr Achtsamkeit einzufordern scheint, lasst Euch gesagt sein: Auch wenn ich gerne alleine bin, ist Einsamkeit nicht mein Normalzustand, aber Dreisamkeit mein Maximum. Geht es darüber hinaus, wird einfach zu viel gequasselt. Achtet mal drauf!

Message from an introvert – Since everyone seems to be demanding more mindfulness now, let me tell you: Even if I like to be alone, loneliness is not my normal state, but being in a threesome is my maximum. If it goes beyond that, there is simply too much chatter. Watch out! (silly wordplay with german numbers. I’m sorry)