Ernüchterung

Mein alter Zithertrainer hat, wenn ich mich beim Spiel verzittert habe, immer gesagt: „Junge“, hat er gesagt, „ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, darum sag ich besser nichts.“ Soviel praktische Lebensweisheit hat mich damals schwer beeindruckt, bis mir neulich zugetragen wurde, der Alte habe grundsätzlich vergessen, was er sagen wollte und habe deshalb eh meistens nichts gesagt. Ich war darüber so perplex, dass ich nicht wusste, was ich dazu sagen sollte. Seitdem hält man mich für ebenso senil wie meinen alten Zithertrainer.

Disillusionment – My old zither trainer always said, “Boy”, when I was misshaking while playing, “I don’t know what to say about it, so I better not say anything.” So much practical wisdom impressed me at the time until I heard recently that the old man had basically always forgotten what he wanted to say and that is why he mostly said nothing anyway. I was so perplexed by this that I didn’t know what to say about it. Since then, I’ve been considered just as senile as my old zither trainer.

Erleichterung

Neulich war Gott beim Zahnarzt. Erst musste er ewig warten, obwohl er mehrmals darauf hinwies, Gott zu sein, doch die Sprechstundenhilfe sah ihn so böse an, dass er lieber den Mund hielt, was auch besser war, denn der tat ziemlich weh. Als er endlich drankam, schlug der Arzt die Hände über dem Kopf zusammen und Gott musste gestehen, dass er schon ewig nicht mehr beim Zahnarzt gewesen sei. Er sei schließlich Gott und habe viel zu tun, worauf ihn der Zahnarzt anschnauzte, als allwissender Gott müsse er es eigentlich besser wissen und so etwas habe er noch nicht gesehen und da hätten seine Kinder und Kindeskinder noch genug zu tun, was auch leider zutraf, denn die Behandlung dauerte dann abermals fast ewig und verbrauchte etwa dreihundert Zahnärzte, denn schließlich mussten ca. vier Millionen Löcher gestopft und etwa fünfhunderttausend Zähne durch Kronen und Brücken ersetzt werden. Doch endlich war das Werk getan und sein Gebiss war wieder schön anzusehen. Draußen auf der Straße atmete er erleichtert durch und verschlang dann, um seinem Zorn angemessen Raum zu geben, nicht nur die verfluchte Zahnarztpraxis, sondern gleich den gesamten Stadtteil.

Relief – The other day God was at the dentist. At first he had to wait forever, even though he pointed out that he was God several times, but the office assistant gave him such an angry look that he preferred to shut up, which was better, because talking hurt a lot. When it was finally his turn, the doctor threw his hands up in horror and God had to confess that he had not been to the dentist in ages. After all, he was God and had a lot to do, but the dentist snapped at him, as an omniscient God he should actually know better and he had never seen anything like that and his children and grandchildren will have enough to do with it, which unfortunately was true, because the treatment lasted almost forever and used about three hundred dentists, because after all about four million holes had to be filled and about five hundred thousand teeth replaced with crowns and bridges. But finally the work was done and his teeth were beautiful again. Out on the street, he took a deep breath and then, to give his anger adequate space, devoured not just the cursed dentist’s office, but the entire district.

Aus dem Familienalbum (35)

Meine Großcousine Martha reagiert sehr empfindlich, wenn ahnungslose Besucher sie auf die beiden Herren ansprechen, deren Bildnisse in ihrem Wohnzimmer prominent platziert sind. Das seien keine Herren, sondern ihre beiden Lieblingsgroßtanten Franz und Friedrich, die einige Jahrzehnte zuvor spätnachts Zigarren holen gegangen seien! Sie rechne jeden Augenblick mit ihrer Rückkehr, weshalb sie auch zwei Stühle bereitgestellt habe, denn die beiden Großtanten hätten für ihr Leben gerne gesessen. Noch lieber jedoch hätten sie geraucht, weshalb sie wohl auch spätnachts noch Zigarren holen gegangen seien. Aber sie rechne wie gesagt jeden Augenblick mit der Rückkehr der Lieblingsgroßtanten, weshalb sie dem Besucher auch gar nicht erst eine Sitzgelegenheit anbieten werde, da die beiden Lieblingsgroßtanten, sobald sie das Wohnzimmer betreten werden, was augenblicklich geschehen dürfte, mit Sicherheit sofort sitzen wollen werden und sie wünsche noch einen schönen Tag!

From the family album – My great-cousin Martha reacts very sensitively when unsuspecting visitors ask her about the two gentlemen whose portraits are prominently placed in their living room. They weren’t gentlemen, but their two favorite great-aunts Franz and Friedrich, who had gone to get cigars late at night a few decades earlier! She is expecting her return at any moment, which is why she has provided two chairs because the two great-aunts love to sit for their lives. But they prefer to smoke, which is probably why they went to get cigars late at night. But as she said, she reckons with the return of her favorite great-aunts at any moment, which is why she will not even offer the visitor a seat, since the two favorite great-aunts will certainly want to sit down as soon as they enter the living room, which should happen immediately and have a nice day!

Sprüche, die es auch dieses Jahr nicht in den Kalender geschafft haben

  • Reich ist, wer viel hat, reicher ist, wer noch mehr hat.
  • Es genügt nicht, in die Kneipe zu gehen, man muss auch bestellen können.
  • Ohne Brille sieht man auch im Dunkeln nichts.
  • Habe den Mut, dich sogar nach Feierabend deines Verstandes zu bedienen.
  • Beginne den Tag mit Gold im Mund, wenn es weder Kaffee noch Zigaretten gibt.

Sayings that didn’t make it onto the calendar this year either – Rich is who has a lot, richer is who has more. – It is not enough to go to the pub, you also have to be able to order. – You can’t see anything in the dark without glasses. – Have the courage to use your wits even after work. – Start the day with gold in your mouth when there is no coffee or cigarettes.

Welch Glück!

Zum Glück geht es den meisten Menschen immer schlecht, denn stellen Sie sich vor, wie die Welt aussähe, wenn jeder Mensch auch nur einen einzigen Tag des Glücks erleben würde! Die Welt wäre zugestellt mit aus Freude über den Glückstag gestifteten Parkbänken! Nein nein, es ist schon gut so, wie es ist. Doch doch.

What a blessing! – Fortunately, most people are always badly off, because imagine what the world would be like if everyone had even a single day of happiness! The world would be covered with park benches donated for the joy of the lucky day! No no, it’s fine the way it is. Yes, yes.

5 minus 1. Eine Bilanz

Was mir von meiner Covid-19-Infektion blieb, waren ein sechsmonatiger trockener Husten, ein präseniler Hang zum Nachmittagsschläfchen und die Abwesenheit meines Geruchsinnes. – Nicht riechen zu können, ist manchmal ein Segen. Ich war zeitlebens übersensibel, aber plötzlich war U-Bahn-Fahren auch im Sommer gar kein Problem mehr. Andererseits ist es sehr irritierend, sich selbst nicht riechen zu können. Als hätte ich keine Schweißdrüsen mehr. Am schlimmsten ist, dass das Schöne, Gute und Wahre seine besondere Qualität verliert und vom Mittelmäßigen und Miesen kaum mehr zu unterscheiden ist. Ich hatte mir über Jahre ein bisschen Geschmack antrainiert, was guten Wein und gutes Essen betrifft. Jetzt kann ich immerhin noch bittere Tränen von saurem Wein unterscheiden und würde merken, wenn die Schokolade gesalzen wäre. – Nun gut, alle sagten, das gehe schon irgendwann vorbei. Viele hätten das, aber es gehe vorbei. – Dann kam die Maskenpflicht. „Komisch!“ dachte ich, „die Maske riecht so muffig.“ Nicht schön, aber gut, denn anscheinend war der Geruchsinn wieder da. Hurra! Doch auch die Wäsche aus dem Trockner roch plötzlich muffig. Stimmt etwas nicht mit der Maschine? Als ich im Büro einen Aktenordner aus dem Schrank nahm, roch der Ordner, als käme auch er gerade aus dem Wäschetrockner. Meine Kolleginnen sagten, der Ordner rieche nach Ordner. Spätestens dann ahnte ich, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als am nächsten Morgen die Kaffeedose das Aroma eines vollen Aschenbechers verströmte, da wusste ich es. Seitdem rieche ich einiges, nur nie das Richtige. Eine Zeitlang roch die Welt nach saurer Milch und Staub. Momentan riecht alles nach einer Mischung aus glühendem Metall und ranziger Butter. Das sind komplett geisteskranke Kombinationen und ich weiß nicht, was die Welt mir damit sagen will. Vermutlich, dass sie mich nicht riechen kann.

5 minus 1. A balance – What remained of my Covid-19 infection were a six-month dry cough, a presenile tendency to take an afternoon nap and the absence of my sense of smell. – Not being able to smell is a blessing sometimes. I was overly sensitive all my life, but suddenly riding the subway was no longer a problem even in summer. On the other hand, it is very irritating not to be able to smell yourself. As if I had no more sweat glands. The worst thing is that the beautiful, the good and the true lose their special quality and can hardly be distinguished from the mediocre and the bad. Over the years I had developed a little taste for good wine and good food. Now I can at least distinguish bitter tears from sour wine and would notice when the chocolate was salted. – Well, everyone said that it would end sometime. Many suffer from it, but it will pass. – Then came the mask requirement. “Funny!” I thought, “the mask smells so musty.” Not nice, but good, because apparently the sense of smell was back. Hooray! But also the laundry that came out of the dryer suddenly smelled musty. Is there something wrong with the machine? When I took a folder out of the closet in the office, the folder smelled as if it had just come out of the dryer. My colleagues said the folder smelled like folder. At the latest then I suspected that something was completely wrong. The next morning when the coffee can gave off the aroma of a full ashtray, I knew it. Since then I’ve smelled a lot, just never the right thing. For a while the world smelled of sour milk and dust. Right now everything smells like a mixture of glowing metal and rancid butter. These are completely insane combinations and I don’t know what the world is telling me. Presumably that she can’t smell me (what is the german expression for: that she do not like me).

Vorsätze für den Notfall

Falls Sie noch immer nicht wissen, was Sie sich für das kommende Jahr vornehmen sollen, habe ich hier ein paar Vorschläge, für die ich auch in diesem Jahr keine Verwendung habe. Schenke ich Ihnen.

  • Endlich Maultrommel lernen.
  • 100 kg abnehmen.
  • Eine Affäre mit dem Chef beginnen.
  • Mit dem Rauchen anfangen.
  • Den haarlosen Affen da draußen öfter auf die Nerven gehen.

Resolutions in case of emergency – If you still don’t know what to do for the coming year, here are a few suggestions that I have no use for this year. I give it to you: – Finally learn to play the jaw harp. – Lose 100 kg. – Start an affair with the boss. – Start smoking. – Get on the nerves of those hairless monkeys out there a lot.

Ich habe es geahnt, aber nicht gewusst

Für den Fall, dass Sie mir vorwerfen, ich hätte Sie nicht gewarnt. Dies hier habe ich am 1.1. dieses Jahres gepostet: „So wird 2020. Bitte achten Sie auf mehr oder weniger subtile Versuche, Sie zu Fall zu bringen.“ Das war wohl mehr als untertrieben, fürchte ich. Tut mir sehr leid.

I suspected it, but didn’t know – In case you blame me for not having warned you. I posted this on 1 January this year: „That’s 2020. Please pay attention to more or less subtle attempts to bring you down.“ That was probably more than an understatement, I’m afraid. I’m very sorry.

Neues aus dem Tierreich (5)

Dieser noch namenlose Vogel wurde erst kürzlich entdeckt, obwohl er vor allem in der Stadt zu finden ist. Als reiner Bodenbrüter hat er sich seinem Lebensraum perfekt angepasst und ist so flach, dass es ihm nichts auszumachen scheint, wenn man auf ihn tritt. Der Vogel ist außerdem extrem cool, weshalb er niemals zugeben würde, dass er ein solches Verhalten womöglich doch missbilligt.

News from the animal kingdom – This as-yet-nameless bird was only recently discovered, although it is mostly found in the city. As a pure ground breeder, it has adapted perfectly to its habitat and is so flat that it doesn’t seem to mind if you step on it. The bird is also extremely cool, which is why it would never admit that it might disapprove of such behavior.