Neues vom Wohnungsmarkt (7)

Die Wohnungsnot treibt in München immer schlimmere Blüten. Heinz B. ist Untermieter bei einem Studenten, der seinen Neoprenanzug für 500 Euro zur Verfügung stellt. Der selbständige Heizungstechniker B. ist dennoch nicht völlig unzufrieden. Im Sommer sei das draußen ganz angenehm und im Winter sei er sowieso immer auf Montage. Unangenehm sei allerdings, dass er nicht im Liegen schlafen könne und erst ans Fenster klopfen müsse, bevor er nachts mal auf die Toilette könne.

News from the housing market – The housing shortage is growing worse and worse in Munich. Heinz B. is subtenant with a student who provides his wetsuit for 500 euros. The independent heating technician B. is still not completely dissatisfied. In summer it is very pleasant outside and in winter he is always away on a construction job anyway. It is unpleasant, however, that he cannot sleep lying down and has to knock on the window before he can go to the toilet at night.

Immer dieses Gemecker!

Nachdem Politik und Industrie sich darauf geeinigt haben, dass Personenkraftwagen künftig weder Stickoxide noch andere Schadstoffe ausstoßen dürfen, sondern ausschließlich Kirschblütenblätter, mehren sich die Beschwerden, besonders in gutbürgerlichen Stadtvierteln, die Straßenreinigung würde ihre Aufgaben vernachlässigen und die Kinder würden nur darum den Dreck mit vollen Händen in die Wohnungen tragen können.

Always this bitch! – After politics and industry have agreed that passenger cars should not emit nitrogen oxides or other pollutants in the future, but only cherry blossom petals, the complaints are increasing, especially in middle-class city districts, street cleaning would neglect its tasks and only for that reason the children would carry hands full of dirt into the apartments.

Langeweile

Schon lange hat der Krieg die Nase voll von dem ewigen Frieden in Europa. Nicht einmal die wenigen Geschäftsreisen nach Asien oder Afrika lohnen sich und sind ihm eher lästig. Es bräuchte wieder einen richtigen Weltkrieg, denkt er. Aber seit der Pandemie ist es besonders fad. Jeden Tag hält er am Fenster Ausschau, ob nicht vielleicht doch jemand kommt und nach ein wenig Abwechslung verlangt. „Das wird Euch noch leid tun!“ denkt er zornig, bevor er sich im Fernsehen die 265. Wiederholung einer zehnteiligen Serie über den deutschen Überfall auf die UdSSR ansieht.

Boredom – The war has long been fed up with eternal peace in Europe. Even the few business trips to Asia or Africa are not worthwhile and tend to be a nuisance for him. It would take a real world war again, he thinks. But it’s been particularly boring since the pandemic. Every day he looks out of the window to see if someone might come and ask for a change. “You will be sorry for that!” he thinks angrily before watching the 265th repetition of a ten-part series about the German attack on the USSR on television.

Gottesbeweis

Der Titel verspricht zu viel, denn nicht die Existenz des einen Gottes kann hiermit bewiesen werden, sondern nur, dass der altrömische Gott Janus das Konzept einer Mund-Nasen-Maske nicht verstanden hat.

Proof of God – The title promises too much, because I cannot prove the existence of the one and only god, but that the ancient Roman god Janus did not understand the concept of a mouth and nose mask.

Aus dem Familienalbum (46)

Onkel Albert ist eigentlich kein Onkel, sondern der Mann meiner Tante Anneliese, und er ist auch gar kein Schwabe, sondern Niederbayer, aber dennoch weiß er, sagt er, wie man das Geld zusammenhält. Warum viel Miete zahlen, wenn man auch wenig zahlen kann, fragt er, sagt er, aber bisher habe er noch keine gültige Antwort erhalten. Darum sind er, seine drei Kinder, sein Vater und dessen Pferd und Hund in eine kleine Wohnung gezogen, die gerade ausreichend groß ist, dass alle Platz finden und ihm genügend Raum bleibt, das Geld zusammenzuhalten. Seine Frau habe bedauerlicherweise keinen Platz mehr gefunden, aber die müsse eh arbeiten gehen und sei deshalb nie zuhause, glaubt er, sagt er. Ich bin mir da nicht so sicher.

From the family album – Uncle Albert isn’t actually an uncle, he’s my aunt Anneliese’s husband, and he’s not a Swabian at all, but a Lower Bavarian, however he knows, he says, how to keep the money together. Why pay a lot of rent when you can pay little, he asks, he says, but so far he has not received a valid answer. That is why he, his three children, his father and his horse and dog moved into a small apartment that is just big enough for everyone to find space and for him to keep the money together. Unfortunately, his wife has not found a place, but she has to go to work anyway and is therefore never home, he believes, he says. I’m not so sure about that.

Hommage an Tullio Pericoli

Für die großen Dinge sieht es von oben betrachtet so aus, dass auch kleine Dinge lange Schatten werfen können. Die großen Dinge nicken sich dann wissend zu und halten sich für sehr weise. Dabei ist das nichts, was die kleinen Dinge nicht selbst schon lange gewusst hätten. Wenn die großen Dinge dann endlich weitergehen, sind die kleinen Dinge einfach nur froh, dass die großen Dinge nicht auf sie drauf getreten sind und sie wieder eine Ewigkeit eingeklemmt in der Rille einer Gummisohle verbringen müssen. So ist das mit den großen und den kleinen Dingen.

Tribute to Tullio Pericoli – Looking from above, for the big things it seems like even small things can cast long shadows. The big things then nod knowingly to each other and consider themselves very wise. But that’s not something the little things themselves haven’t known for a long time. When the big things finally go on, the little things are just happy that the big things didn’t step on them and that they have to spend an eternity wedged in the groove of a rubber sole. That’s the way it is with the big and the small things.

Das Grundgesetz hat Geburtstag!

Als das Grundgesetz noch klein war und schön, da hatten die Leute es ganz lieb. Bald aber begannen die ersten, es schräg anzusehen und an ihm herumzumäkeln, dieser oder jener Artikel würde ihm nicht stehen. Manche zupften an ihm herum, schnitten da etwas ab und nähten dort etwas dran. Inzwischen ist das Grundgesetz so alt, dass es gar nicht mehr weiß, wie lange es schon da ist. Wenn es morgens in den Spiegel schaut, erkennt es sich selbst nicht mehr, und die jungen Leute scheinen es nicht mehr zu verstehen. Bald wird man es in eine Vitrine stellen und sonntags werden Kinder hineinglotzen und Grimassen schneiden.

It is the birthday of the Basic Law! – When the Basic Law was still small and beautiful, people loved it very much. But soon the first began to look at it weirdly and to complain that this or that article would not suit him. Some tugged at it, cut something off and sewed something on it. The Basic Law is now so old that it no longer knows how long it has been around. When it looks in the mirror in the morning, it no longer recognizes itself and the young people no longer seem to understand. Soon it will be put in a showcase and on Sundays children will stare into it and make faces.