Aus dem Familienalbum (57)

Meine Schwester ist eigentlich relativ normal, allerdings macht sie sich sehr große Sorgen um ihre Kinder. Manchmal ist sie direkt überfürsorglich. Zum Beispiel dürfen meine Neffen nicht auf der Straße spielen, weil sie da überfahren oder entführt werden könnten. Auch der Weg zum Spielplatz ist ihr zu unsicher, und außerdem sei der Spielplatz nicht geeignet. Sie habe ihn in den letzten zwei Wochen täglich über mehrere Stunden ausprobiert und finde ihn inzwischen langweilig. Diese Enttäuschung wolle sie ihren Kindern ersparen. Ins Kino dürfen die Kinder auch nicht gehen. Sie gehe jeden Abend in einen anderen Film, um herauszufinden, ob er für Kinder geeignet sei, aber bis jetzt habe sie nichts Passendes gefunden. Museen und Ausstellungen habe sie selbst schon immer furchtbar gefunden, das sei bei ihren eigenen Kindern darum sicher genauso. Es bleibe ihr nichts anderes übrig, als die Kleinen zum Spielen raus auf das Sims über dem Kinderzimmer zu schicken. Da könne sie mit Hilfe eines Spiegels alles im Blick behalten und die Kinder seien vor den rücksichtslosen Autofahrern sicher.

From the family album – My sister is actually relatively normal, but she worries a lot about her children. Sometimes she’s downright overprotective. For example, my nephews are not allowed to play in the street because they could be run over or kidnapped. The way to the playground is also too unsafe for her, and the playground is also not suitable. She has tried it for several hours a day for the past two weeks and now finds it boring. She wanted to spare her children this disappointment. The kids are not allowed to go to the cinema either. She goes to a different movie every night to see if it’s suitable for children, but so far she hasn’t found anything appropriate. She herself has always found museums and exhibitions awful, so that’s probably the same with her own children. She has no choice but to send the little ones out to play on the ledge above the children’s room. With the help of a mirror, she can keep an eye on everything and the children are safe from the inconsiderate drivers.

Nichts Neues unter allen Sonnen

Als ich neulich abends noch einmal um den Block ging, landeten diese vier formschönen Raumschiffe auf dem Weg direkt vor mir. Das war natürlich eine Überraschung, denn damit rechnet ja keiner. Ich bereitete mich also innerlich darauf vor, den ersten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation herzustellen und hoffte, dass sie in Frieden kämen. Die Raumschiffe waren jedoch nicht sehr groß und ihre Insassen darum ausgesprochen winzig, nicht viel größer als ein Finger, aber insgesamt erstaunlich humanoid. Ich ging also in die Hocke und sagte so ein paar Sätze, die man aus den entsprechenden Filmen kennt, aber das schien die Aliens gar nicht zu interessieren. Sie waren über irgendetwas sehr aufgebracht und deuteten auf mein Gesicht. Irgendwann verstand ich, dass sie sich an meiner FFP2-Maske störten, die ich aufgesetzt hatte, weil man ja nicht weiß, was die Besucher so an Krankheiten mitbringen. Um nicht unhöflich zu sein, setzte ich die Maske ab, blieb aber weiterhin auf Abstand. Es stellte sich dann heraus, dass diese Leute von einem Planeten im Sternbild Luftpumpe stammten und die dortigen Impfgegner waren, deren man sich auf diese Weise entledigt hat. Sie packten auch sogleich Schilder aus und Megaphone und formierten sich zu einer unangemeldeten Demonstration mitten auf der Straße. Ich versuchte noch, das Unglück zu verhindern, aber der LKW-Fahrer missverstand meine Zeichen und grüßte freundlich zurück. Die kleinen Raumschiffe habe ich dann mit nach Hause genommen und verwende sie seitdem als Tischbeine, denn sie sind ja wirklich ausgesprochen hübsch.

Nothing new under any sun – As I was walking around the block again the other night, these four beautifully designed spaceships landed on the sidewalk right in front of me. That was of course a surprise, because nobody expects that. So I mentally prepared myself to make first contact with an extraterrestrial civilization and hoped that they would come in peace. The spaceships were not very large, however, and their occupants were therefore decidedly tiny, not much larger than a finger, but surprisingly humanoid overall. So I crouched down and said a few phrases that you know from the corresponding films, but the aliens didn’t seem to care. They were very upset about something and pointed to my face. At some point I understood that they were bothered by my FFP2 mask, which I had put on, because you don’t know what kind of diseases visitors bring with them. Not to be rude, I took off my mask but kept my distance. It then turned out that these people came from a planet in the constellation Air Pump and were the opponents of vaccination there, which the lokals got rid of in this way. They also immediately unpacked signs and megaphones and formed up for an unannounced demonstration in the middle of the street. I still tried to prevent the accident, but the truck driver misunderstood my signals and greeted me in a friendly way. I then took the little spaceships home with me and have been using them as table legs ever since, because they are really very pretty.

Neues aus der Wissenschaft (5)

Bekanntlich können sich Fassaden nicht geschlechtlich fortpflanzen, weshalb sie, wenn sie eng nebeneinander stehen, sich nur aneinander reiben, um dem Nachbarn zu signalisieren, dass er Platz machen muss, sobald die Fassadenteilung beginnt. Erstmals konnte nun dieser Vorgang sichtbar gemacht werden. Man sieht, wie die Chromosomen sich nach der Replikation an die Fassadenmembran heften, bevor sich dann die Fassade einschnürt und teilt. Da in den Städten zwischen den Gebäuden aber oft kein Platz mehr ist, stellen die meisten Fassaden die Fortpflanzung ein und widmen sich stattdessen einem Hobby.

Science news – It is well known that facades cannot reproduce sexually, so if they are close together they will only rub against each other to signal the neighbor to move once the facade division begins. This process could now be made visible for the first time. You can see how the chromosomes attach to the facade membrane after replication, before the facade then constricts and divides. Since there is often no more space between the buildings in the cities, most facades stop breeding and devote themselves to a hobby instead.

Urlaub an der Adria

Riccione 2011, aus meinem Skizzenbuch / from my sketchbook

Vor Jahren habe ich einmal für ein paar Tage Strandurlaub an der Adria gemacht, eine Erfahrung, die viele Deutsche schon in Ihrer Jugend hinter sich gebracht haben, die mir jedoch bis dato fehlte. Es war ein bisschen wie Tatis „Die Ferien des Monsieur Hulot“, wenn auch fast 60 Jahre später. Aber im Speisesaal des kleinen und feinen Hotels ging es ähnlich zu, manche Gesichter schienen direkt aus dem Film ins reale Leben zurückgekehrt zu sein. Tagsüber ging ich an den Strand, wo mir in der siebten Reihe eine Liege und ein Schirm zugewiesen wurden. Links neben mir stritt sich ununterbrochen eine prollige Großfamilie aus Napoli, rechts neben mir grollte ununterbrochen ein hochnäsiges Rentnerpaar aus Rom über die Neapolitaner. Ins Wasser konnte man eigentlich nur gehen, wenn man blind war, denn da schwammen allerhand unappetitliche Dinge herum. Also blieb nur lesen, in der Sonne braten, Eis essen oder Wassermelone, und auf die nächste Mahlzeit im Hotel warten. Das Essen war sehr gut, aber dennoch wurde mir nach drei Tagen so langweilig, dass ich wieder nach Hause fuhr.

Holidays on the Adriatic – „Figs, coconut“ – Years ago I spent a few days on a beach holiday on the Adriatic Sea, an experience that many Germans have already had in their youth, but which I have missed until then. It was a bit like Tati’s ‚The Holidays of Monsieur Hulot‘, albeit almost 60 years later. But in the dining room of the small and fine hotel it was similar, some faces seemed to have returned to real life straight from the film. During the day I went to the beach, where I was assigned a lounger and an umbrella in the seventh row. To my left, a chubby extended family from Napoli was constantly arguing, to my right, a snooty pensioner couple from Rome was constantly grumbling about the Neapolitans. You could actually only go into the water if you were blind, because there were all sorts of unsavory things swimming around. So all that was left was reading, frying in the sun, eating ice cream or watermelon, and waiting for the next meal in the hotel. The food was very good, but after three days I got so bored that I went home.

Liturgisches Rätsel

Vor meiner Haustüre hat jemand einen Altar errichtet. Die Liturgie dieses Kultes scheint mir etwas merkwürdig zu sein, aber die betreffende Gottheit wird schon wissen, was sie mit den Schuhen und der Pillendose anzufangen hat.

Liturgical riddle – Someone erected an altar in front of my front door. The liturgy of this cult seems a little strange to me, but the deity in question will know what to do with the shoes and the pillbox.