Neues aus der Bahn (3)

Liebe 31334! Du hast mir laut Beleg im Zug nach Mannheim einen Kaffee gebracht. Leider habe ich es nicht über mich gebracht, dich darauf hinzuweisen, dass dein Hosenschlitz offen stand. Tut mir leid. Ich weiß, das nützt dir jetzt nicht mehr viel, aber es half, mich davon abzulenken, dass der Zug schon eine halbe Stunde Verspätung hatte, weshalb nicht klar war, ob ich meinen Anschluss bekommen würde. Insofern bedanke ich mich für die ungewollte Serviceleistung.

News from the train – Dear 31334! According to the receipt, you brought me a coffee on the train to Mannheim. Unfortunately, I couldn’t bring myself to point out that your fly was open. Sorry. I know that’s not going to do you much good now, but it helped distract me from the fact that the train was already half an hour late, so it wasn’t clear if I was going to get my connection. In this respect, I would like to thank you for the unintended service.

Wenn man Ihnen, PEN-Präsident Deniz Yücel,

glauben darf, dann hat Krieg weniger mit Schach als mit Schulhof gemeinsam: „Wenn ich Sasha eine in die Fresse haue (…) und dann kommt Navid (…) und sagt: ‚Lass meinen Kumpel in Ruhe, ja?’ (…) Dann kann ich überlegen.“ Dennoch überlegten Sie nicht lange und ließen auf der Lit.Cologne den Springer durchgehen, als Sie sich für ein direktes militärisches Eingreifen der NATO in der Ukraine aussprachen. Ihr Welt-Publikum kann es sicher nicht erwarten, es dem Russen endlich mal wieder zu zeigen, Ihre PEN-Brüder waren jedoch weniger kriegslüstern und forderten Sie zum Rücktritt auf. Ob das klug war? Denn nicht nur Navid würde „natürlich das Risiko eingehen, dass ich ’n bisschen irre bin und ihm ein Klappmesser irgendwo reinsteche“. Dass Sie nicht nur ein bisschen irre sind, glaube Ich Ihnen aufs Wort.

If we, PEN President Deniz Yücel, may believe you, then war has less in common with chess than with the schoolyard: „If I punch Sasha in the face (…) and then Navid comes (…) and says: ‚Leave my buddy alone, okay?‘ (…) Then I can think about it.” Nevertheless, you didn’t think twice and let the knight go at the Lit.Cologne when you spoke out in favor of direct military intervention by NATO in the Ukraine. Your WELT audience can’t wait to flex their muscles to the Russians again, but your PEN brothers were less bellicose and urged you to resign. Was that wise? Because not only Navid would „of course take the risk that I’m a little crazy and stab him with a jackknife somewhere“. I take your word for it that you’re not just a little crazy.

Neulich im Louvre (1)

Zum großen Erstaunen der Museumsdirektion zog die Sonderausstellung „Die Putzkammer Ramses II“ weniger Besucher an als erwartet.

Recently at the Louvre – To the great astonishment of the museum management, the special exhibition “The dustroom of Ramses II” attracted fewer visitors than expected.

Anthropologische Frage

Schon die Sumerer und der alte Sokrates haben über die Jugendlichen ihrer Zeit gesagt, sie seien faul und dumm. Wie war das wohl in der Steinzeit? Was für Blödsinn haben die Kids damals gemacht? Nachts das Feuer auspissen? Laut husten, während die Jäger an die Gazelle heranschleichen? Haben sie mangels Bushaltestellen den ganzen Tag unterm Affenbrotbaum gefaulenzt? Vermutlich war ihnen genauso langweilig, wie ihren jungen Nachfolgern heutzutage. Zumindest ist es unwahrscheinlich, dass sie genötigt wurden, ihr Zimmer aufzuräumen und ihre Hausaufgaben zu machen. Insofern war früher doch einiges besser.

Anthropological question – Even the Sumerians and the old Socrates said about the young people of their time that they were lazy and stupid. What was it like in the Stone Age? What nonsense did the kids do back then? Piss out the fire at night? Cough loudly while the hunters sneak up on the gazelle? Have they been lounging under the baobab tree all day because of the lack of bus stops? They were probably just as bored as their young successors are nowadays. At the very least, it’s unlikely that they were forced to tidy their room and do their homework. In this respect, things were better in the past.

Geständnis

Wenn mich früher jemand gefragt hat, woher nur meine Ideen kämen, habe ich immer gelogen, die stammten aus ökologischem Anbau und seien rein vegan. Richtig ist, dass ich meine Ideen schon seit Jahrzehnten von einem Großbetrieb in Niedersachsen beziehe, wo sie in Massenideenhaltung in winzigen Käfigen gemästet werden, bis sie richtig fett sind und sich aus eigener Kraft nicht mehr auf den Beinen halten können. Mit dem Lügen ist jetzt Schluss, denn ab heute stehe ich dazu! So!

Confession – In the past, when someone asked me where my ideas came from, I always lied, they came from organic farming and were purely vegan. It’s actually a fact that I’ve been getting my ideas from a large company in Lower Saxony for decades, where they’re fattened up in tiny cages until they’re really fat and can’t stand up on their own. The lying is over now, because from today I stand by it! So!

Ist die Katze hungrig, Sheba Katzenfutter,

freut sich der Reichsbürger, denn neuerdings behauptest du in deinen Werbespots: „Jedesmal, wenn du dich für Sheba entscheidest, entsteht Lebensraum.“ Jetzt war der Hitler ja dummerweise eher ein Freund des Hundes, sonst hätte er sich den Ostfeldzug sparen können. Ich bleibe so oder so lieber beim Fischfutter.

Is the cat hungry, Sheba cat food, the Reich citizen is happy, because recently you have been claiming in your commercials: „Every time you decide in favor of Sheba, living space is created.“ Unfortunately, Hitler was more of a dog’s friend, otherwise he could have saved himself the eastern campaign. Either way, I stick to the fish food.

Heraus zum 1. Mai!

Wie immer am Tag der Arbeit erheben sich die Gewerkschaften aus ihren Gräbern und wandeln untot einen sonnigen Tag lang über Straßen und Plätze, ihre roten Leichentücher auslüftend, bis sie dann am Abend wieder zurückkehren müssen in die dunklen Grüfte. So ist der Lauf der Natur, da kann man nix machen, Genosse.

Happy Labour Day! – As always on Labour Day, the unions rise from their graves and roam the streets and squares undead for a sunny day, airing their red shrouds, until they have to return to the dark tombs in the evening. That’s the way nature goes, there’s nothing you can do about it, comrade.

Neues aus der Bahn (2)

In Stuttgart steigt ein Louis-Vuitton-Edelproll zu, der natürlich keine Maske trägt. „Maske habischnisch. Wusstischnisch. Is Pflischt?“ Ja, is. Jemand gibt ihm eine Maske, die er dann natürlich unterm Kinn trägt. Warum gibt es eigentlich keine FFP2-Masken von Gucci? Die Deppen würden sich drum reißen.

News from the train – In Stuttgart, a Louis Vuitton noble chav, who of course doesn’t wear a mask, gets on. „Mask don’thaveone. Didn’tknow. Is mandatory?” Yes, is. Someone gives him a mask, which of course he wears under his chin. Why are there no FFP2 masks from Gucci? The idiots would tear themselves over it.

Nietzschekorrektur

Hab heute mal in den Abgrund geschaut, doch der hat verschämt in eine andere Richtung geguckt. Ich fürchte, man hat ihm lange Unrecht getan.

Nietzsche correction – Today I looked into the abyss, but he looked bashfully in a different direction. I’m afraid he’s been wronged for a long time.

(Erschienen / published in Titanic 5/2022)

Redensart auf ihre Alltagstauglichkeit überprüft (1)

Aus deutscher Sicht ist man ja schnell bereit, den Franzosen zu unterstellen, sie würden den Bock zum Gärtner machen, nicht nur in Bezug auf ihre Präsidentschaftswahlen, aber wie man hier vor dem Louvre beobachten kann, stimmt das nur zum Teil, denn dieser Gärtner ist angekettet und kann darum nur wenig Schaden anrichten.

Saying checked for suitability for everyday use – From a German point of view, one is quick to accuse the French of turning the goat into a gardener, not only in relation to their presidential elections, but as you can see here in front of the Louvre, that’s only partly true, because this gardener is chained and can therefore only do little damage.