Aus dem Familienalbum (9)

Als meine Mutter neulich aus der Arbeit kam, wurde sie schon von meinem Vater an der Haustür erwartet, der sie bat, die Augen zu schließen und ihr ungeahnte Freuden in Aussicht stellte. Sie habe sich gewundert, denn den 40. Hochzeitstag im Monat zuvor hätte er vergessen, habe sie noch gedacht, als sie von ihrem nervös kichernden Gatten am Arm in die Wohnung geführt wurde. Ihr sei gleich der bittere Geruch aufgefallen, doch vor allem das lauter werdende Geräusch sich ergießenden Wassers habe sie sehr irritiert, als mein Vater sie schließlich aufforderte, die Augen zu öffnen. Sie habe es erst nicht glauben können: Mitten im Wohnzimmer, den Raum fast völlig einnehmend, habe sich ein Becken befunden, in dessen Mitte aus einer Fontäne eine Flüssigkeit sprudelte und sich schäumend in das schon fast randvolle Becken ergoss. „Na?“ habe sie mein Vater mit überschnappender Stimme beinah angeschrien, „Ist das nicht der Wahnsinn? EIN BIERBRUNNEN!“ Ja, er sei sich darüber klar, dass man die an den Rand geschobenen Möbel noch entfernen müsse, um von allen Seiten Zugang zu haben, aber das sei doch rasch getan! Auch das Problem des fehlenden Ablaufs sei leicht behoben, man müsse eben schneller trinken als der Brunnen sich füllen könne. Meine Mutter habe nicht gewusst, was sie darauf sagen sollte und habe vorgegeben, noch Milch einholen zu müssen. Dann sei sie erst einmal in die nächste Kneipe gegangen und habe ein großes Bier bestellt. Dabei möge sie doch gar kein Bier.

From the family album – When my mother came home from work the other day, she was already expected by my father at the front door, who asked her to close her eyes and predicted unforeseen pleasures. She had wondered because he had forgotten the 40th wedding anniversary a month earlier. When she was led into the apartment by her nervously giggling husband she noticed the bitter smell, but above all it was the loud sound of pouring water that had irritated her, when my father finally asked her to open her eyes. At first she could not believe it: in the middle of the living room, almost completely occupying the room, there was a basin of which a liquid bubbled out of a fountain and spilled into the already almost full basin. „Now?“ my dad almost yelled at her with a cracking voice, „Isn’t it great? A BEER FOUNTAIN!“ Yes, he understands that you have to remove the furniture that has been pushed to the edge in order to have access from all sides, but that would be done quickly! Also, the problem of lack of drainage is easily resolved, you just have to drink faster than the well could fill. My mother did not know what to say and pretended to have to get some milk. Then she went to the nearest pub and ordered a big beer. Although she does not like beer.

Was bei der Schöpfung übrig blieb (2)

Eigentlich hatte Gott eine schöne glatte Kugel machen wollen, die man gut als Handschmeichler oder Briefbeschwerer verwenden konnte, aber das blöde Ding kam völlig missraten aus der Gussform. Es glich mehr einer Kartoffel und die Oberfläche war voller Risse, Dellen, Zacken und Buckel. Eine Zeitlang schabte und rubbelte er daran herum, bis er einsehen musste, dass es keinen Sinn hatte. Die Krümel kehrte er fein zusammen, denn seine Frau Mama hatte ihn zur Sauberkeit erzogen, aber dann besann er sich eines Besseren und ließ den ganzen Schamott einfach liegen. Hinterher könnte er ja immer noch behaupten, er habe es genau so und nicht anders gewollt.

What was left over at creation. – Actually, God had wanted to make a nice smooth ball, which could be used as a hand flatterer or paperweight, but the stupid thing came out of the mold completely out of whack. It was more like a potato and the surface was full of cracks, dents, spikes and humps. For a while he scraped and rubbed it until he realized it did not make sense. He swept up the crumbs because his mum had brought him up to cleanliness, but then he changed his mind and simply left the dirt behind. After all, he could still claim that he wanted it just like that and not otherwise.

Aus dem Familienalbum (8)

Mein Cousin Hartmut ist Busfahrer („300 PS! Kein Ferrari, aber länger. Hö Hö!“), doch sein Hobby ist Reiten („Ein PS, aber scheißt so viel wie 300 von deiner Sorte! Hö Hö!“). Neulich aber hat ihm sein Reitstall gekündigt, weil einige der Pferdemädchen Hartmuts Humor nicht teilen wollten. Daraufhin sollte er seinen Gaul woanders unterstellen, aber Hartmut war der Meinung, er zahle eh zu viel Miete und nahm das Tier mit nach Hause in seine Zweizimmerwohnung im vierten Stock. Nach zwei Tagen merkten es die Nachbarn und holten die Polizei. Nun hat er eine Anzeige wegen Tierquälerei am Hals und die fristlose Kündigung seiner Wohnung in der Tasche. Meine Oma erzählte gestern ganz ahnungslos, Hartmut würde ein paar Tage bei ihr einziehen, während er eine neue Wohnung suche. Ob sie etwas gegen Haustiere habe, habe er gefragt. Solange es kein großer Hund sei, habe sie gesagt, sei das kein Problem. Nein nein, ein großer Hund sei es nicht. Zu großen Hunden habe er kein gutes Verhältnis, die seien meistens faul und machten ihm zu kleine Haufen.

From the family album – My cousin Hartmut is a bus driver („300 hp, not a Ferrari, but longer, Hö Hö!“), but his hobby is riding („Only one horsepower, but they shit as much as 300 of your kind! Hö Hö!“). Recently, however, his riding stable has dismissed him because some of the horse girls did not want to share Hartmut’s humor. So he was supposed to put his horse elsewhere, but Hartmut thought he was paying too much rent anyway and took the animal home with him to his two-room apartment on the fourth floor. After two days, the neighbors noticed it and called the police. Now he is on trial for animal cruelty and got the termination of his rental agreement. Yesterday, my grandmother mentioned quite naive that Hartmut would move in with her for a few days while looking for a new apartment. If she would dislike a pet, he had asked. As long as it’s not a big dog, she said, that would not be a problem. No no, not a big dog. To large dogs he has no good relationship, they are mostly lazy and usually the heaps they lay are too small.

Was bei der Schöpfung übrig blieb (1)

Nachdem es Licht ward, fuhr Gott in die Stadt und kaufte sich eine kleine gelbe Sonne, die ein paar Milliarden Jahre lang halten sollte. Für die Malerlampe hatte er daher vorerst keine Verwendung mehr.

What was left over at creation. – After the light came on, God drove into the city and bought a small yellow sun, which was to last for a few billion years. For the painter’s lamp he therefore had no use for the time being.

Zur Abwechslung ein wenig Kultur

Neulich war ich im örtlichen Literaturhaus auf einer Lesung. Der Schriftsteller war sympathisch, der Text interessant, das Gespräch mit der Moderatorin unterhaltend. Hinterher hat der Mann auch noch Musik gemacht. Eigentlich ein schöner Abend, wenn nicht das Vorprogramm gewesen wäre: Kein Sektempfang, dafür sehr breit getretener Literaturbetriebsnudelsalat.

For a change a bit of culture – Recently I was at a reading at the local House of literature. The author was likeable, the text was interesting, and entertaining was the conversation with the moderator. Afterwards the man also made music. Actually a nice evening, if the pre-program would not have been: No champagne reception, but a very widespread literary scene live wire salad.

Aus dem Familienalbum (7)

Dies ist der Frosch, den mein Großvater im Hals hatte, als er damals meiner Großmutter einen Antrag machte, den sie zu seinem Erstaunen sogar annahm. Meine Großmutter ist dennoch anderer Ansicht und behauptet, dies sei die Kröte, die sie damals habe schlucken müssen, damit das Kind einen Vater bekommt.

From the family album – This is the frog my grandfather had in his throat when he made a proposal to my grandmother, which she even accepted to his astonishment. My grandmother disagrees, claiming that this is the toad that she had to swallow at that time for the child to have a father.

Sonntag auf dem Balkon

Es ist ein wunderschöner sonniger Morgen, die Amsel schlägt, die Biene summt, die Welt brummt und hält den Rand. Nur die neue Nachbarin nicht; die telefoniert seit einigen zehn Minuten mit ihrer Freundin Elke und schwärmt von ihrer schönen Wohnung und der himmlischen Ruhe, derer sie in Berlin ermangelte. Dann ruft sie ihre Freundin Heike an und schwärmt von der himmlischen Ruhe. Bevor sie eine weitere Freundin anruft, winke ich hinüber und frage: „Schön ruhig hier, hm?“ Sie winkt zurück und bestätigt meine Einschätzung: „Ja, ist das nicht göttlich?“ Dann ruft sie ihre Freundin Petra an und schwärmt von dem himmlischen Frieden. Ich gehe hinein, um meine Messer zu schleifen.

Sunday on the balcony
It’s a beautiful sunny morning, the blackbird whistles, the bee is bumbling, the world is humming and keeps its trap shut. Only the new neighbor does not; She’s been on the phone for some ten minutes with her friend Elke and is raving about her beautiful apartment and the heavenly peace which she lacked in Berlin. Then she calls her friend Heike and raves about the heavenly peace. Before she calls another friend, I wave to her and ask, „Nice quiet place, huh?“ She waves back and confirms my assessment: „Yes, isn’t it divine?“ Then she calls her friend Petra and raves about the heavenly peace. I go inside to sharp my knives.

Stadterweiterung

Da sich Gering- und Normalverdiener keine Wohnung mehr im bisherigen Stadtgebiet leisten können, erwarb München zwischen Wolnzach und Ingolstadt eine Brache, auf der in wenigen Wochen eine Siedlung mit 500.000 Wohneinheiten hochgezogen wurde. Nun ist sichergestellt, dass das Hauspersonal der zugezogenen Düsseldorfer Leistungsträger ein Dach über dem Kopf hat, wenn auch ein ziemlich niedriges. Eine Münchner Großmetzgerei sorgt für eine ausgewogene Diät der Bewohner. Heute ist endlich Einweihung der Endhaltestelle der S-Bahn-Linie 13 im neuen Stadtteil München-Bratwurst. Die Bahn verkehrt zweimal am Tag: In der Früh pendeln die Bewohner von München-Bratwurst zu ihren Arbeitsplätzen, am Abend zurück in ihr schönes neues Heim. So hat das Opernpublikum seine Stadt wenigstens in den Abendstunden für sich allein.

Urban expansion – Since low-income and normal earners cannot afford housing in the existing urban area anymore, Munich has acquired waste land between Wolnzach and Ingolstadt on which a settlement with 500,000 housing units was raised in a few weeks. Now it is ensured that the house staff of the drawn Duesseldorfer achievers keeps a roof overhead, even though a rather low one. A Munich butcher shop ensures a balanced diet of the residents. Today finally the final stop of the S-Bahn line 13 in the new district of Munich-Bratwurst was opend. The train runs twice a day: In the morning, the residents of Munich-Bratwurst commute to their jobs, in the evening back to their beautiful new home. Thus, the opera audience has the city for themselves at least in the evenings.

Aus dem Familienalbum (6)

Ein Cousin meiner Mutter ist „Weltmeister im Stuhlgang“ aller Klassen. Ja, ich wusste bis neulich auch nicht, dass es so etwas gibt, aber was gibt es denn heutzutage nicht? Angeblich kann er nicht nur die größten Haufen machen, sondern auch die schönsten, wobei ich mich frage, nach welchen Kriterien das bemessen wird und wer um Himmels Willen sich bei Ausscheidungswettkämpfen dieser Disziplin freiwillig als Schiedsrichter betätigt. Als der Cousin letztens übers Wochenende zu Besuch kam, besorgte meine Mutter vorsorglich eine Großhandelspackung Klopapier, die der Cousin noch am gleichen Abend auch verbrauchte. Im Grunde unterbrach er seine Sitzungen nur zum Essen, aber auch das, wie er sagte, nur aus Höflichkeit seinen Gastgebern gegenüber. Sonst pflege er „während des Trainings“ zu essen und er schlafe auch meist „auf dem Gerät“. Meine Schwester schaffte es nicht mehr rechtzeitig zum Gerät, sondern übergab sich noch im Esszimmer auf den Teppich.

From the family album – A cousin of my mother is „World Champion in Defecation“ of all classes. Yeah, until recently I did not know that there was such a thing, but is there anything that doesn’t exist nowadays? Supposedly he is not only able to lay the biggest turds, but also the most beautiful ones. I wonder what criteria are used and who, for heaven’s sake, volunteers to be a referee in the elimination competitions of this discipline. When the cousin came to visit for the weekend, my mother took precautionary steps to get a wholesale package of toilet paper, which the cousin used up the same evening. Basically, he only interrupted his exercises for dinner, but, as he said, only as a courtesy to his hosts. Otherwise he would eat „during exercise“ and he usually sleeps „on the device“. My sister did not make it to the device in time, but vomited on the carpet in the dining room.