Vorbild Venedig

Nur einen Tag nach der Wahl Ursula von der Leyens zur Königin von Europa reagierte Sig. Albert Gardin, der selbsternannte 121. Doge der Republik Venedig, welche freilich seit 1797 nicht mehr besteht, und gratulierte der Deutschen zu ihrem Erfolg, nicht ohne der Hoffnung Ausdruck zu geben, ihre Herrschaft werde die letzte sein und zu einer vom Atlantik bis zur Beringstraße reichenden Konföderation aller europäischen Nationen führen. Dann wird noch ein bissl gejammert über die illegitime Besetzung Venedigs durch Franzosen, Deutsche und das sog. „Italien“ und über transatlantische Hegemonie, trotz derer die Republik lebendiger und aktiver sei denn je. – Mögen sich die deutschen Reichsbürger, die österreichischen Staatsverweigerer, die amerikanischen Sovereign citizens und alle anderen rechtsextremen Spinner an diesem wackeren Separatisten aus der Lagune ein Vorbild nehmen! Sie sind und bleiben zwar politische, intellektuelle und ästhetische Vollpfosten, aber wie man sieht, lässt sich Wahnsinn durchaus mit Charme vereinbaren.

Model Venice
Only one day after the election of Ursula von der Leyen as Queen of Europe, Sig. Albert Gardin, the self-appointed 121st Doge of the Republic of Venice, which of course no longer exists since 1797, responded and congratulated the German on their success, not without to express the hope, that their rule would be the last and would lead to a confederation of all European nations extending from the Atlantic to the Bering Strait. Then there is a bit of moaning about the illegitimate occupation of Venice by Frenchmen, Germans and the so-called „Italy“ and also about transatlantic hegemony, despite which the republic is livelier and more active than ever. – May the German Reich citizens, the Austrian state objectors, the American sovereign citizens and all other far-right spinners take a role model in this noble separatist from the lagoon! Although they are and will remain political, intellectual and aesthetic douche bags, lunacy can be quite charming, as you can see.

Dänisches Tetris

Ein besonderes Feature des dänischen Pavillons auf der Biennale in Venedig ist der Boden, auf dem zwei aus Dänemark eingeflogene Fliesenleger zwischen Eröffnung im Mai und Schließung der Kunstausstellung im November eine sehr langsame Partie Tetris gegeneinander spielen.

Danish Tetris
A special feature of the Danish pavilion at the Venice Biennale is the floor on which, between opening in May and closing of the art exhibition in November, two pavers, flown in from Denmark, play a very slow game of Tetris against each other.

Katze mit Aussicht

Als die Katze schon einige Zehnjahre auf Beute lauerte, bemerkte sie zu ihrem Erstaunen, dass sie zu versteinern begann. „Na sowas!“ dachte sie, vergaß es aber sogleich, da nun ihre ganze Aufmerksamkeit einem kleinen munteren Vogel galt, der von links nach rechts durch ihr Blickfeld flog.

Cat with a view
As the cat lurked for prey for some tens of years, she noticed to her astonishment that she was beginning to petrify. „Well,“ she thought, but forgot it immediately, because now her whole attention was on a small cheerful bird that flew from left to right through her field of vision.

Drei Heuler beim Feuerwerk

Nachdem wir stundenlang unseren Platz auf einer Fensterbank im Erdgeschoß eines Hauses tapfer verteidigt haben, erlöschen zum Zeichen des nahenden Beginns des Feuerwerks die Laternen am Ufer der Giudecca. Plötzlich kommt eine junge Frau und behauptet, da sei doch noch genügend Platz für sie, und wenn man sich auf die Bank stelle, habe man natürlich einen besseren Blick. Und schon steht sie neben mir und ruft per Telefon ihre beiden Freundinnen herbei, sie habe da „einen phantastischen Platz gefunden“. In dem Moment beginnt das Spektakel. Ich will den Anfang gerne filmen, aber sie rempelt mich an. Ich mache einen weiteren Versuch, aber sie hampelt vor meiner Kamera herum. Ich beginne zum dritten Mal, da kommen ihre Freundinnen auch schon an und klettern zu uns hinauf, wobei sie mich wieder so anrempeln, dass der Film nicht zu gebrauchen ist. Alle Leute um uns herum sind fasziniert von dem schönen Feuerwerk und tun das, was man dann tut, nämlich den Mund halten und sonst nichts, während die drei Irren neben mir jubeln, schreien, klatschen und, warum auch immer, den Bürgermeister von der rechtsradikalen Lega für das Feuerwerk loben, als habe der persönlich jede einzelne Rakete ausgewählt. Dazwischen unterhalten sie sich darüber, welcher Nudelsorte die letzte Lichterscheinung ähnelt. – Einen halben Tag saß ich mir den Hintern platt, um diesen Moment zu genießen, und dann erinnern mich die einzigen drei offensichtlich völlig Wahnsinnigen unter siebzigtausend Zuschauern daran, dass es in dieser Welt nichts umsonst gibt.

Three howlers at the fireworks
After bravely defending our place on a windowsill for hours, the lanterns on the banks of the Giudecca are turned off as a sign of the beginning of the fireworks. Suddenly a young woman arrives and claims that there is still enough space, and if we stand on the bench, we will have a better view. An instant later she stands next to me and calls her two friends over the phone, that she found „a fantastic place“. At that moment the spectacle begins. I want to film the beginning, but she bumps into me. I make another try, but she’s jumping around in front of my camera. I start for the third time when her girlfriends arrive and climb up to join us, jostling me again so that the movie is spoilt. All the people around us are fascinated by the beautiful fireworks and do what one usually does, namely to shut up and nothing else, while the three lunatics cheer, shout, clap and, for whatever reason, praise the right-wing mayor from the Lega for the fireworks, as if he personally selected each rocket. In between they talk about which type of pasta resembles the last light phenomenon. – For half a day I sat on my butt only to enjoy this moment, and then the only three obviously completely insane under seventy thousand spectators remind me that in this world there is nothing for free.

Übers Wasser gehen

Am Tag des Redentore-Fests wird eine Brücke aus Pontons zwischen der Giudecca und Dorsoduro errichtet, über die ab 19.00 Uhr die Pilger zur Palladio-Kirche auf der Insel wallfahren können. In der Mitte der Brücke gibt es einen Bogen, unter dem man mit dem Boot hindurchfahren kann, für die größeren Schiffe und die Wasserbusse ist der Kanal aber natürlich gesperrt. Im Laufe des Abends füllt sich das Becken vor San Marco mit Booten, meist Familien, die sich das Feuerwerk vom Wasser aus ansehen. Es sind aber auch einige größere Discoboote darunter, die gewaltig Lärm machen. Auch die Ufer sind mit Tausenden von Menschen gefüllt, die auf den Stufen vor der Kirche sitzen oder auf der Uferbefestigung oder sich einen Tisch gemietet haben und in großen Kühltaschen Essen heranschaffen. Wer auf dem richtigen Ufer der Giudecca ein Haus oder eine Bar besitzt, macht an diesem Tag wahrscheinlich allein durch die Vermietung von Tischen oder Fensterplätzen soviel Profit wie im restlichen Jahr. Das Feuerwerk beginnt eine halbe Stunde vor Mitternacht und dauert ca. 40 Minuten. Noch bevor die letzte Rakete gezündet hat, sieht man schon Boote die Flucht ergreifen und Menschen auf die Brücke zustürmen, denn wer sich jetzt Zeit lässt, wird erst sehr spät ins Bett kommen. Von Dorsoduro aus wollen nur noch wenige herüber, um die Kirche zu besuchen, dafür versuchen Tausende auf einmal, über die Brücke nach Hause zu gelangen. Damit sie sich nicht gegenseitig tottrampeln, ist die Brücke dicht besetzt mit Sicherheitspersonal, das anscheinend aus allen Feuerwehr-, Militär- und Polizeieinheiten zusammengesetzt ist, jedenfalls habe ich noch nie so viele unterschiedliche Uniformen gesehen. Nur die Pfadfinder haben gefehlt.

To walk on water
On the day of the Redentore Festival, a bridge of pontoons will be built between the Giudecca and Dorsoduro, from which pilgrims after 7 pm will be able to make a pilgrimage to the Palladian church on the island. In the middle of the bridge there is a bow, under which you can go by boat. For the larger ships and the water buses the channel is blocked of course. During the evening, the basin of San Marco get filled with boats, mostly families, who want to watch the fireworks from the water. But there are also some larger disco boats making a lot of noise. The shores are packed with thousands of people sitting on the steps in front of the church or on the banks, or renting a table and bringing food in large coolers. Who owns a house or a bar on the right bank of the Giudecca, probably makes as much profit on this day alone by renting tables or window seats as during the rest of the year. The fireworks start half an hour before midnight and take about 40 minutes. Even before the last rocket has fired, you can see boats fleeing and people storming on the bridge, because who now takes his time, will come to bed very late. From Dorsoduro only a few people come to visit the church, but thousands try to get home via the bridge at once. For they do not trample on each other, the bridge is densely staffed with security personnel, apparently composed of all fire brigade, military and police units, at least I have never seen so many different uniforms. Only the scouts were missing.