Wie es wirklich war (6)

Als heute vor 60 Jahren der Mauerbau in Berlin begann, war die ganze Welt schockiert, zumindest jener Teil der Welt, der aus ganz unterschiedlichen Gründen keinen Wert darauf legte, Berlin weitgehend unzugänglich zu machen. Dabei ist das eine Idee, die sich heutzutage in dem Teil der Welt, der Berlin kennt, durchaus wieder großer Beliebtheit erfreut. Was kaum jemand weiß, ist, dass zwar einige die Absicht hatten, eine Mauer zu bauen, aber nur wenige eine schöne Mauer bauen wollten. Eine, die das Auge erfreut und die sich nicht ganz so verschlossen gibt, wie man das von Mauern gewöhnt ist. Am Ende haben sich dann aber jene durchgesetzt, die begriffen hatten, dass eine Mauer in Berlin authentisch sein muss, nämlich potthässlich und komplett überflüssig.

How it really was – When the construction of the Berlin Wall began 60 years ago today, the whole world was shocked, at least that part of the world that, for very different reasons, did not attach importance to making Berlin largely inaccessible. This is an idea that is enjoying great popularity again these days in the part of the world that knows Berlin. What hardly anyone knows is that while some intended to build a wall, few wanted to build a beautiful wall. One that pleases the eye and that is not quite as closed as one is used to from walls. In the end, however, those prevailed, who had understood that a wall in Berlin had to be authentic, namely ugly and completely superfluous.

Bittere Wahrheit

Wer allen Ernstes glaubt, nach der nächsten Bundestagswahl sei Rot-Grün-Rot noch möglich, ist vermutlich der letzte Linke in der SPD und hat einen wirklich süßen Vogel.

Bitter truth – Anyone who seriously believes that red-green-red will still be possible after the next federal election is probably the last lefty in the SPD and has a really cute bird in the belfry.

Blaue Blume

Ein alter Mann lag faul in seinem Bett und tagträumte und dachte an etwas, das ihm einer erzählt hatte, ein junger Mann, den er nicht kannte, von einer Höhle, die man durchschwimmen müsse und in der eine blaue Blume wachse, die köstlich dufte und, wenn man sich ihr nähere, sich zu bewegen und zu verändern anfange, die breiten glänzenden Blätter an den wachsenden Stängel schmiege, sich einem zuneige und sich dann in die eigene Mutter verwandele. – Was für ein Müll, dachte der alte Mann. Zum Glück hatte er diesen Quatsch schon lange hinter sich.

Blue flower – An old man lay lazily in his bed and daydreamed and thought of something someone had told him, a young man he didn’t knew, about a cave that you had to swim through and in which a blue flower grew, which smells delicious and, when you approach it, begins to move and change, the broad, shiny leaves nestle against the growing stalk, bend towards you and then transform into your own mother. – What rubbish, thought the old man. Fortunately, he was long out of this nonsense.

Wir sind verloren

Wer ab und zu auf der Autobahn unterwegs ist, hat es sicher geahnt: Das Zeitalter der Menschen ist vorbei.

We are doomed – Anyone who drives on the autobahn from time to time must have guessed it: The age of men is over.

Nervensäge

Ich mag keine Aberginen. Sie schmecken beschissen und müssen immer das letzte Wort haben.
„Aber wir heißen Auberginen und schmecken gut!“
Was zu beweisen war.

Nag – I don’t like abergines. They taste like shit and they always have to have the last word. „But we are called aubergines and we taste good!“ Which was to be proved.

Verschwendung

Da der Verbraucher immer weniger bereit ist, angemessene Preise zu bezahlen, müssen viele Bauern aufgeben. Inzwischen haben zwar auch die Discounter ihr Sortiment um Bio-Produkte erweitert, doch genügt das nicht, um landwirtschaftliche Betriebe zu erhalten. Oft können die Arbeitskräfte, die es braucht, um die Ernte einzufahren, nicht bezahlt werden. Hier zum Beispiel konnten einige hundert Bäume nicht abgeerntet werden. Die Kühe wurden überreif, fielen zu Boden und verschimmeln dort nun. Eine Schande!

Waste – As the consumer is less and less willing to pay reasonable prices, many farmers have to give up. In the meantime, the discounters have also expanded their range to include organic products, but that is not enough to keep farms alive. Often times, the labor that is needed to bring in the crops cannot be paid. Here, for example, a few hundred trees could not be harvested. The cows became overripe, fell to the ground and are now getting moldy. A shame!

Wirtschaftsförderung

Das Fremdenverkehrsamt hat sich endlich durchgesetzt mit der Forderung, den Mond durch eine leistungsstarke aber energiesparende LED-Leuchte zu ersetzen. Das unstete Ab- und Zunehmen sei schlecht für den Tourismus, besonders an den bei Instagrammern beliebten romantischen Motiven, die von einem verlässlichen Vollmond auf jeden Fall profitieren würden. Der Wirtschaftsminister schloss sich dieser Ansicht gerne an.

Economic promotion – The tourist office finally got its way with the demand to replace the moon with a powerful but energy-saving LED light. The unsteady increase and decrease is bad for tourism, especially in the romantic motifs popular with Instagrammers, which would definitely benefit from a reliable full moon. The Minister of Economic Affairs readily agreed with this view.

Hoher Besuch

Von der Öffentlichkeit unbemerkt wurde unser Planet neulich von den Plejaden besucht. Da der Besuch nicht angekündigt war und tagsüber geschah, konnte er später nur von einem kleinen Kind bezeugt werden, das seine Mutter begeistert auf das Siebengestirn hinwies, aber mit einem erschöpften „Jaja, schön“ zum Schweigen gebracht wurde.

High level visit – Our planet was recently visited by the Pleiades, unnoticed by the public. Since the visit was not announced and took place during the day, it could later only be witnessed by a small child who enthusiastically pointed out the seven stars to his mother, but was silenced with an exhausted „Yes, yes, beautiful“.

Präpositionen, Redaktion der TZ in München,

sind eine Wortart, die ein Verhältnis angeben. Sie können lokale, temporale, kausale, konzessive, modale u.a. Bedeutungen tragen. Wir geben Euch ein paar Beispiele: Im Juni (Angabe des Zeitpunkts) habt Ihr in Eurem Blättchen (Angabe des Ortes) ohne Sinn und Verstand (Angabe der Art und Weise) zwecks weiterer Verblödung Eurer senilen Leserschaft (Angabe des Grundes) diese Schlagzeile veröffentlicht: „Chaos um Erstimpfung“. Mit Boulevardjournalismus hat das schon nichts mehr zu tun, das ist vielmehr der Trampelpfad durch das Unterholz der deutschen Sprache. Gegen so etwas gibt es leider weder eine Pille noch eine Impfung, aber eine Präposition: wider die Blödheit.

Prepositions, editors of the TZ in Munich, are a part of speech that indicate a relationship. They can have local, temporal, causal, concessional, modal and other meanings. We’ll give you a few examples: In June (specifying the time) you published this headline in your leaflet (specifying the place) without any sense (specifying the manner) in order to further stupid your senile readership (specifying the reason): “Chaos around first vaccination”. That has nothing to do with boulevard journalism, it is rather the beaten path through the undergrowth of the German language. Unfortunately, there is neither a pill nor a vaccination against something like this, but there is a preposition: against stupidity.

Hello again, Jeffrey Toobin!

Sie sind ein US-amerikanischer Publizist und auch hiesigem Publikum vor allem dadurch bekannt geworden, dass das Magazin New Yorker Sie entlassen hat, nachdem Sie im Oktober letzten Jahres während einer Zoom-Konferenz, im Glauben, die Kamera sei ausgeschaltet, masturbiert haben. Nun sind Sie als Talking Head zu CNN zurückgekehrt. Dort bekannten Sie sich offen zu Ihrem Vergehen, versicherten jedoch, seither versucht zu haben, „ein besserer Mensch“ zu werden, dem man „wieder vertrauen“ könne, weshalb Sie u.a. bei einer Tafel arbeiten und sich in Therapie begeben haben. Gegen beides ist nichts einzuwenden, allerdings scheint es, als möchten Sie so verstanden werden, dass der Drang, sich während einer langweiligen Zoom-Konferenz mit Masturbation zu entspannen, etwas sei, das der Therapie bedürfe. Nun lieben die Amis ja nichts mehr als den reuigen Sünder, doch wenn dies wirklich das ist, was Sie ihnen verkaufen wollen, möge Ihnen, Sie Heuchler, die rechte Hand verfaulen! Völlig entspannt: Titanic

Hello again, Jeffrey Toobin! – You are an American publicist and best known to local audiences for being fired by New Yorker magazine after you masturbated believing the camera was off during a Zoom conference last October. You have now returned to CNN as a Talking Head. There you openly confessed to your offense, but assured you that you have since tried to become “a better person” who can be “trusted again”, which is why you worked at a food bank and went into therapy. Now there is nothing wrong with either, but it seems like you want to be understood that the urge to relax with masturbation during a boring zoom conference is something that needs therapy. Now the Americans love nothing more than the repentant sinner, but if this is really what you want to sell them, may your right hand rot, you hypocrite! Completely relaxed: Titanic

(Erschienen / published in Titanic 8/2021)